Alter ist nicht alles...

Nein, das wird kein Post darüber, wie man sich fühlt, wenn auf einmal das ganze Ummfeld gefühlte 20 Jahre jünger ist als man selbst. Obwohl, die Idee hat was...
Aber zurück zum Thema. Wie einige Leser meines Blogs vielleicht schon gemerkt haben, bin ich im August 2012 nach Irland gezogen. So ein Umzug bedeutet natürlich immer auch Umbruch, und eine Folge dieses Umbruchs war, das ich bis Anfang Januar nur mein gutes altes Eee Pad Slider als PC-Ersatz zur Verfügung. Dies ist an sich erst mal nichts schlechtes, bis auf die Tatsache, das ich auf einen Großteil meiner Lieblingsspiele verzichten musste. Ja, Gaming gehört für mich einfach dazu. Im Gegensatz zur Medienwelt und Politik in Deutschland sehe ich daran nichts verwerfliches oder gar abartiges.
Leider sind die meisten Spiele, die für Mobile Plattformen wie Tablets entworfen sind, nun ja, nicht unbedingt das Nonplusultra. Es gibt einige, die richtig gut sind, einige absolut grottenschlechte, und eine ganze Flut verniedlichter sogenannter "Social Games."
Die diversen Farmvilles, Cityvilles, Zoovilles, Zombievilles, Dictatorvilles und Margaritavilles gleichen sich wie ein Ei dem anderen: Kleine Areale, überzeichnete Cartoonfiguren, sowie der Zwang, die Anwendung die ganze Zeit offen zu haben, und mit seinen "Freunden" zu teilen.
Prädikat: Brechreizerregend.
Um so erfreuter war ich, als ich kurz nach meiner Ankunft in Irland über ein Forum herausfand, das ein Uralter, aber nach wie vor suchterregender Titel auf mobile Betriebssysteme portiert worden war:


Transport Tycoon

Häh? Wat für'n Ding?

Für die armen Seelen, die nach 1981 geboren wurden: Anfang der 1990er war der Spieeentwickler Chris Sawyer zurecht fasziniert von Sid Meiers legendärem Titel Railroad Tycoon. Ihm schwebte eine Weiterentwicklung des Konzepts vor, in einer dreidimensional anmutenden Welt. 1994 war es dann soweit. Das Ergebnis von Chris Sawyers Arbeit wurde vom Publisher Microprose unter dem Namen Transport Tycoon auf den Markt gebracht. Glaubt man den Testergebnissen von damals, so ist der Titel eingeschlagen wie die Sprichwörtliche Bombe.
Die Spielprämisse ist ebenso einfach wie überzeugend. Die Aufgabe ist es, mittels der Nutzung aller vier Verkehsträger, also Eisenbahn, Straßenverkehr, sowie Luft-, und Seefahrt Güter und Personen zu transportieren, und damit Geld zu verdienen. Doch auch, wenn sich das ganze einfach anhört, die Ausführung ist ein ganz anderes Thema. Die Jungs vom Hamburg-Köln-Express können da sicher einiges zu sagen...
Was nun Transport Tycoon angeht, das Spiel war für das Jahr 1994 eine absolute Augenweide. Die Isometrische Ansicht sorgte für ein Pseudo-3D-Gefühl, und sowohl die Züge als auch die anderen Fahrzeuge wirkten für die damalige Zeit absolut glaubwürdig. Die Spielwelt wirkte lebendig. So blinkten an den Kinos in den Städten Leuchtreklamen, und Industriebetrieben konnte man ansehen, ob sie gerade arbeiteten. So war bei Stahlwerken das charakteristische Glühen des geschmolzenen Stahls zu erkennen, wenn gerade aus Eisenerz Stahl hergestellt wurde.
Neben der Grafik war auch die Spielmechanik überzeugend. Es war nicht einfach, eine gewinnbringende Firma aufzubauen, aber es war auch nicht unmöglich. Wie im echten Leben musste man ein Auge für die Richtigen Strecken haben, und erstmal in möglichst flachem Gelände den Betrieb zum laufen bringen, bevor man sich in die Hügel oder Berge wagte.
All dies sorgte dafür das Transport Tycoon nicht nur ein Erfolg wurde, sondern auch ein Dauerbrenner. Nach der Veröffentlichung von Transport Tycoon Deluxe, einer für Windows 95 (mein Gott, ist das lang her!) angepassten Version, übernahm immer mehr die Fangemeinde, die sich um das Spiel gebildet hatte, die Weiterentwicklung. Zuerst kam TTDPatch, ein Starter, der es ermöglichte, diverse Parameter des Spiels zu verändern, und Einschränkungen des Originalspiels zu umgehen. Dies benötigte jedoch immer noch das Originalspiel, das mittlerweile nur noch schwer zu bekommen war.
Der nächste Schritt war also OpenTTD, ein Open-Source-Klon des ursprünglichen Transport Tycoon. Hier wurden die letzten noch Originalen Dateien durch verbesserte, von der Community entwickelte Dateien ersetzt. Open TTD war damit nicht mehr an die Originaldaten gebunden, und konnte als Freeware heruntergeladen werden.
Diese Version war es schließlich, die 2011 mit Hilfe einer Umgebung namens SDL (Simple DirectMedia Layer) für die Nutzung auf Android-Tablets angepasst wurde. Und diese Variante war es, die mir eines Tages im Google Play Store in die Hände fiel.
Installation und Start des Spieles sind, wie bei allen Apps egal auf welcher modernen Plattform, einfach und schnell. Das erste was man zu sehen bekommt, ist der SDL-Startscreen, der beim ersten Start des Spiels auch die Möglichkeit gibt, die Größe des Touchscreen-Eingabefelds zu definieren. Danach kommt der eigentliche Startbildschirm. Dieser unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von dem des Ursprungsspiels.
Im Splashscreen nichts neues? - Ein paar neue Buttons deuten als einzige darauf hin, das sich unter der Haube einiges getan hat.
Im Hintergrund wuseln nach wie vor LKWs, Züge, und Flugzeuge durch das Bild. Jedoch sind diverse Schaltflächen dazugekommen, die es einem ermöglichen, das Spiel anzupassen und zu individualisieren. Am wichtigsten ist dabei sicherlich die Möglichkeit, im Spiel neue Grafiksets herunterzuladen, die von neuen Fahrzeugen, über geänderte Städte bis hin zu einem komplett neuen Wirtschaftssystem alles umfassen können.
Meine Damen, meine Herren, danke das sie mit uns reisen; zu abgefahr'nen Preisen, auf abgefahr'nen Gleisen - Der Schienenverkehr ist nach wie vor der Hauptfokus von OpenTTD
Augenscheinlich hat sich nicht allzuviel verändert. Man hat immer noch seine vier Klimazonen, Mitteleuropa (England nachempfunden, also sollte man das Europa nicht ganz so eng sehen), Subarktisch/Alpin, Subtropisch, und das nach wie vor abscheuliche Toyland. Alle Vier Klimazonen haben unterschiedliche Fahrzeuge, Industrien, und Wirtschaftssysteme, die sich klar auf den Spielverlauf auswirken. Eine Strategie, die im Mitteleuropäischen Klima einwandfrei funktioniert (Passagier, und Posttransport in großen Mengen) wird im subtropischen Klima ziemlich sicher zu einer schnellen Insolvenz führen. Ich weiß wovon ich rede, ich habs ausprobiert.
Ziemlich wüst da draußen - Ein Zug in der Subtropischen Klimazone.  Die wirkt sich auf mehr aus als nur auf die Optik. Wirtschaftskreisläufe, Fahrzeuge, ja sogar Baukosten für Strecken unterscheiden sich.
Das Spiel selbst lässt sich wunderbar handhaben, der Streckenbau bei Eisenbahnen läuft einwandfrei, nur das platzieren von Signalen ist noch so ein Thema. Straßenbau ist etwas komplizierter, aber auch zu handhaben, während Sowohl Seehäfen und Kanäle als auch Flughäfen nicht wirklich Probleme machen. Was immer wieder etwas unangenehm ist, ist das Zugmanagement, vor allem die Modernisierung von Rollmaterial und der Austausch von Loks. Dies stört den Spielfluß aber nur unwesentlich.
Klein, aber mein - Eine kleine Eisenbahngesellschaft in der subarktischen Klimazone.
Mind the Gap - Wie man an diesem BR 43 HST erkennen kann, sind viele der neu verfügbaren Fahrzeuge ihren Vorbildern sehr ähnlich. Eine Beachtliche Leistung, wenn man bedenkt wie die Grafikengine aufgebaut ist.
Völlig am Ende - Endbahnhof einer Nebenstrecke in der Subarktis. Hier sieht man die Auswirkungen von einem alternativen Grafikset.
Das wichtigste ist aber: OpenTTD macht genau so viel Spaß wie sein Vorgänger. Es ist genau so ein Stundenfresser, und man verliert sich nach wie vor in dieser Welt. Außerdem nervt es einen  nicht mit irgendwelchen In-App-Käufen, Freundschaftszwang oder obligatorischer Facebook-Verknüpfung. Dies ist selbst bei Desktopspielen mittlerweile eine Seltenheit, und auf Tablets noch mehr. Wenn man bedenkt, das Microprose, der ursprüngliche Entwickler mittlerweile sang-, und klanglos den Bach runtergegangen ist, ist die Tatsache, das dieses Spiel erfolgreich den Sprung in die Tabletwelt geschafft hat, ein besonderes Zeichen für das Potential des Titels.
Umsteigemöglichkeit zum Fernverkehr, Fähren und Hubschraubershuttles. Die Möglichkeit, Bahnhöfe modular zu erweitern eröffnet einem ganz neue Möglichkeiten.
Don't pay the Ferryman - Manchmal muss man kreativ werden um den Bahnof mit der Stadt zu verbinden.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Tod einer Stadt - die vergessene Katastrophe von Longarone

DJI Spark - Klein, aber fein!

Das Unentdeckte Land - Neuanfang in Irland