Nollaig Shona - Frohe Weihnachten aus Cork

Was? Schon wieder Weihnachten? Das geht doch nicht. Welcher Witzbold kam denn auf die Idee, das dieses Jahr schon wieder auf den 24.12. zu legen? Aber okay, Scherz beiseite, es ist mal wieder so weit, und für mich war es dieses Jahr wieder mit der leicht säuerlichen Tatsache verbunden, das Fest getrennt von meiner Familie hier in Cork zu verbringen. Nicht nur dies, aufgrund von Veränderungen in meinem Beruflichen Umfeld sehe ich mich dieses Jahr mit der Tatsache konfrontiert, die Weihnachtsfeiertage allesamt im Büro zu verbringen.
All dies hat mich dazu gebracht, einmal etwas mehr über Weihnachten nachzudenken. Wofür steht dieses Fest, das ursprünglich die Geburt Jesu Christi feiern sollte, heutzutage noch? Man hört viel über die kommerzielle Ausschlachtung von Weihnachten, nicht zuletzt von den Vertretern jener Kirchen, deren Stammvater nach der gängigen Tradition am 24.12. geboren wurde. Viele dieser Kritikpunkte sind auch sicherlich berechtigt, selbst aus meiner durchaus kirchenkritischen Perspektive. Doch kann man auch den christlichen Kirchen in dieser Zeit noch eine Deutungshoheit über das Weihnachtsfest zusprechen? Ist Weihnachten heutzutage nur noch ein Schatten seiner selbst, ein fahler Abglanz vergangener Zeiten? Oder ist Weihnachten mittlerweile mehr geworden, hat sich von seinen Wurzeln getrennt, und ist mittlerweile emanzipiert?
Ich bin selbst nie getauft worden, und in einem nicht allzu religiösen Haushalt aufgewachsen. Der Besuch von Weihnachtsmessen ist mir fremd, wie auch der Kirchenbesuch allgemein. Und trotzdem ist Weihnachten für mich ein ganz besonderer Tag, und der Heiligabend für mich in gewisser Weise auch "heilig", wenn auch nicht im christlichen Sinn.  Wie kann so etwas sein?
Es gibt viele Gründe dafür. Einer davon ist traditionell, war doch Weihnachten immer einer der Zeitpunkte, an dem sich die ganze Familie zusammenfand. Dies ist vielleicht um so wichtiger für mich geworden, je weniger Mitglieder meine Familie umfasst. Es ist jedoch noch mehr in meinen Augen. 
In unseren Breitengraden, womit ich mal ganz unbescheiden alles nördlich des Äquators betrachte, fällt das Weihnachtsfest in die dunkelste Zeit des Jahres, eine Zeit, in der es selbst in "Zivilisierten" Breiten wie in Irland oder Norddeutschland vielleicht 8-9 Stunden Tageslicht gibt, und das Wetter sich wie ein Direktimport vom Nordpol anfühlt, was teilweise noch nicht mal übertrieben ist. 
In dieser Dunklen, oftmals trostlosen Zeit ist das Weihnachtsfest im wahrsten Sinne des Wortes ein Lichtblick, hat es sich doch eingebürgert, Fenster, Häuserfassaden, ja ganze Strassenzüge in der Innenstadt mit mehr oder weniger geschmackvollen Lichterketten zu dekorieren. Genau dieser Lichterglanz inmitten der Dunkelheit macht für mich die Weihnachtszeit zu etwas ganz besonderem. Das Licht, das ich im Sommer oftmals als störend empfinde, wenn ich mich nach einer Nacht auf Achse aus dem Bett zwinge und mit der Eleganz einer Gletscherleiche ins Wohnzimmer schlurfe, wird im Winter für mich zu einem Symbol der Hoffnung, und in gewisser Weise auch zu einem Durchhaltesymbol. 
Auch wenn es vielleicht paradox klingt, aber selbst der vorweihnachtliche Trubel, die Hast zum Geschenke einkaufen gehört in gewisser Weise zu Weihnachten dazu. Dies ist nur zum Teil darauf zurückzuführen, das dieser Trubel es mir ermöglicht, hinter dem Rücken einiger Familienmitglieder noch Geschenke zu organisieren, und selbige Mitglieder mit entsprechenden Andeutungen zur Weißglut zu treiben. Vielmehr bildet dieser vorweihnachtliche Wahnsinn einen deutlichen Gegenpol zur Ruhe der eigentlichen Festtage, und ermöglicht einem so, diese ruhigen Tage erst richtig zu genießen. Genau dieser Kontrast, die konzentrierte Hektik der ersten Dezemberwochen, und die Ruhe, die am 24.12 dann auf einmal ausbricht, macht Weihnachten für mich zu dem Fest, das es ist. Genau dieser Kontrast bring die wahre Natur des Weihnachtsfestes erst hervor.
Dies soll nicht heißen, das alles in der Vorweihnachtszeit kritiklos hinzunehmen ist. Die allzu aufdringliche Werbung, der Verkauf von Weihnachtsartikeln schon Monate im Voraus, teilweise ab September, und die Berieselung mit immer den gleichen Filmen und Liedern, die in vielen Bereichen an Schmalzigkeit und Verlogenheit nicht zu überbieten sind, all dies sind Dinge, die einem Weihnachten durchaus ein Stück weit vermiesen können. Wenn man dies zulässt. Schliesslich ist genau das der Kernpunkt der ganzen Angelegenheit. Weihnachten ist im Endeffekt ein sehr persönlich, und hoechst individuelles Fest. Und so sehr der Einzelhandel auch versucht, seine Waren an den Mann zu bringen, so sehr Fernsehsender und Radiostationen auch versuchen, eine erzwungene Weihnachte-Seligkeit vom Zaun zu brechen, im Endeffekt ist Weihnachten das, was man mit seiner Familie und seinen Freunden draus macht. In diesem Sinne Frohe Weihnachten, Nollaig Shona, und Merry Christmas aus Cork.

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