Rad-ikal? VRN Nextbike angetestet

Ja, sorry, aber mir ist auf die Schnelle kein besseres Rad-bezogenes Wortspiel eingefallen, das als Titel herhalten konnte. Aber zum Thema. Fahrradmietsysteme sind mittlerweile aus vielen Städten nicht mehr wegzudenken. Ob London, Dublin, Amsterdam, Liverpool, oder Cork. Auch wenn diese Entwicklung von vielen Leuten noch skeptisch betrachtet wird, und selbst die autofahrende Fraktion in meiner eigenen Familie Radfahrer eher als Bonus-Ziele betrachtet, GTA Style, teilweise zugegebenermaßen zurecht. In meinen Augen stellen derartige Bike-Sharing-Systeme, zusammen mit ihren Gegenstücken im automobilen Bereich, und einem leistungsfähigen ÖPNV, eine Kernkomponente der Mobilität der Zukunft dar, zumindest in Städten und Ballungsräumen. Diese leiden ja jetzt schon unter Verkehrsinfarkten.
Da dies einen beträchtlichen Markt darstellt, haben sich natürlich auch schon eine ganze Reihe von Unternehmen darauf gestürzt, unter ihnen Werbegiganten wie JCDecaux, deren System Cyclocity in einer ganzen Reihe von Städten, von Amiens über Dublin bis nach Wien und Vilnius im Einsatz ist. Neben diversen regional aktiven Anbietern z.B. in Nordamerika hat sich hierbei vor allem die deutsche Firma Nextbike einen Namen gemacht. Ich hatte dieses Unternehmen schon in einem früheren Artikel erwähnt, nachdem ich meinen Kontrollbericht über Coke Zero Bikes in Cork abgeschlossen hatte. 
Nextbike ist etwas, was es nach den gängigen Vorurteilen über die deutsche Wirtschaft gar nicht geben dürfte. 2004 in Leipzig gegründet, betreibt das Unternehmen mittlerweile Fahrradmietsysteme in über 80 Städten weltweit, wobei über 25000 Fahrräder im Einsatz sind, verteilt auf 4 Kontinente. Man kann das Unternehmen damit durchaus als Global Player in seinem Marktsegment bezeichnen. Selbst JCDecaux und Cyclocity kommen da nicht ran. Das zeigt eindeutig, dass es in Deutschland doch noch möglich ist, eine gut gehendes Unternehmen aufzubauen, ohne einen auf Samwar-Brüder zu machen, also US-Konzepte 1-zu-1 zu kopieren, und seine Mitarbeiter systematisch auszubluten.
Die Zukunft der urbanen Mobilität? Auf jeden Fall eine Komponente davon.
Was soll jetzt schon wieder das ganze Gesülze von wegen Fahrradmietsysteme? Nun, dazu mach ich einmal einen auf Guttenberg, und klaue eiskalt bei mit selbst. In dem bereits oben erwähnten Artikel schrieb ich damals: “Sollte dieses System nach Speyer ausgedehnt werden, kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich bei meinem nächsten Besuch dort auf eines von deren Rädern zurückgreifen werde.” Dies ist mittlerweile eingetreten, momentan sind im Raum Speyer 8 Stationen des Systems VRNnextbike in Betrieb, plus diverse weitere in Mannheim Heidelberg, und Ludwigshafen. 
Auf die Preisstruktur komme ich hier erst einmal nicht zu sprechen, die ist auf der Website sehr klar dargestellt, und in meinen Augen auch sehr fair. Die Registrierung geht schnell, und problemlos, auch aus dem Ausland, wie eine schnelle Nachfrage über Facebook klargestellt hatte. Nur mit der Mitgliedskarte gab es bei mir Schwierigkeiten. Das ist aber wiederum kein Beinbruch, schließlich braucht man die bei Nextbike nicht zwingend, zumindest nicht hier im Rhein-Neckar-Raum. Heute war es dann soweit, dass ich das System das erste mal testen konnte.
Die Nextbike-Station Speyer Hauptbahnhof trägt ihren Namen nicht umsonst, liegt sie doch in unmittelbarer Nähe zu selbigem.
Die erste Fahrt ging vom Speyrer Hauptbahnhof zum Dom, eine Strecke von knapp 1,5 Kilometern, wenn man den Straßenschildern Glauben schenkt. Die Station liegt gegenüber des Hauptbahnhofs, und umfasst 12 Stellplätze. Sie entspricht dem, was man von einem derartigen System erwartet, mit einem markanten Terminal, dass allerdings für das ausleihen eines Rads nicht zwingend erforderlich ist, anders als z.B. in Liverpool, oder Cork. Bei Nextbike geht das ganze auch über eine eigene App, die es auf allen großen Plattformen zum Download gibt.
Die PIN-Eingabe geht ja noch, aber die Telefonnummer, das dauert.
Die Ausleihprozedur über das Terminal dauert etwas, da man hier ohne Kundenkarte erst einmal seine Mobiltelefpnnummer eingeben muss, und dann den PIN. Interessanterweise wird einem bei NextBike gleich ein Rad zugewiesen, bei anderen Systemen kann man sich den Stellplatz, und somit das Rad, ja aussuchen. Die Menüführung an sich ist aber ganz okay, die Software schön übersichtlich. Was mir besonders gefällt ist, dass die Instruktionen für die Registrierung und die Rückgabe groß auf der Station aufgedruckt sind, vor allem auch für den Fall, dass die Station außer Betrieb ist. Klarer Vorteil in Punkto Ausfallsicherheit. 
Freie Auswahl? Is nich, Meister. Du kriegst das Rad gleich zugewiesen. Positiv ist, dass man auch gleich die Kombination für das Fahrradschloss genant bekommt, ich habe sie sicherheitshalber unkenntlich gemacht.
Was die Fahrräder selbst angeht, nun ja, es sind halt Fahrräder. Sie sind robust und solide, deutlich besser als die klapprigen Klapprad-Mutanten in Liverpool. Mit den Panzerfahrrädern von Coke Zero Bikes in Cork können sie aber nicht mithalten. Die Ausrüstung ist soweit standard, dauerhaft in Betrieb befindliche Vorder-, und Rücklichter, Sieben-Gang-Nabenschaltung, sowie separate Bremsen für Hinter-, und Vorderrad, und ein Schloss, alles das, was man erwarten würde. Wo die Nextbike-Räder punkten ist in Sachen Transport. Sie mögen zwar keinen klassischen Gepäckträger haben, dafür aber eine Auflagefläche, auf der man mithilfe zweier starker Gummibänder so ziemlich alles fixieren kann, was hinten auf ein Rad passt. Eine zusätzliche Staumöglichkeit befindet sich am Lenker, als Lastesel sind diese Drahtesel praktisch perfekt geeignet. Der Sattel ist allerdings etwas schwach, hart, und kaum gepolstert, das habe ich auch bei Mieträdern schon besser gesehen. Ein Großer Vorteil ist die Tatsache, dass der Stift, mit der das Fahrrad im Ständer fixiert wird, an der Vorderachse angebracht ist, und nicht am Rahmen, wie bei den Schienbeintötern von Coke Zero Bikes in Cork!
Soweit, so gut. Die Fahrräder sind bereits von weitem als Mieträder zu erkennen. Bei Nextbike ist die Kenn-Nummer der einzelnen Fahrräder sehr wichtig, deshalb ist die auch so gut sichtbar aufgebracht.
Alles in allem ein gutes Fahrrad, vor allem mit ordentlich Staufläche.
Auf der Gepäckablage sind noch mal alle wichtigen Daten zu dem System nachzulesen.
Ich weiß nicht, ob es von der Anpassung des Sattels oder vom Lenker kommt, auf jeden Fall waren meine Hände nach allen Fahrten ungewöhnlich gefärbt.
Wie sieht nun das Fahrverhalten aus? Das habe ich, dank des ungewöhnlich milden Dezemberwetters in den letzten beiden Tagen ausgiebiger testen können, als geplant. Die Fahrtstrecken gingen dabei, wie oben schon erwähnt, vom Hauptbahnhof Speyer über das Altpörtel zum Speyrer Dom, und danach vom Dom zurück zum Einkaufszentrum Postgalerie, vor deren Haupteingang sich eine weitere Station befindet. In Mannheim kam dazu noch eine Fahrt vom Mannheimer Hauptbahnhof zum Paradeplatz. Die Räder lassen sich allesamt sehr gut fahren, sie sind leicht zu manövrieren, und die Nabenschaltung reagiert schnell, ohne Aussetzer. Wichtig ist, dass diese Räder auch auf Kopfsteinpflaster gut zu fahren sind, was nicht immer bei allen Fahrrädern gesagt ist, nicht wahr, Liverpool? Allerdings ist mir bei meine Fahrten immer wieder Jean-Paul Sartres Satz “L’ Enfer, c’est les autres”, also “Die Hölle, das sind die anderen” in den Sinn gekommen, bei den meisten Leuten gilt offenbar wirklich “Tür zu, Motor an, Hirn aus!” Anders kann ich mir einige Aktionen auf der Straße nicht mehr erklären.
Das Ziel meiner ersten Fahrt war diese Station am Domgarten in Speyer.

Was bleibt also abschließend zu sagen? Nun, nach diesen Fahrten weiß ich, warum Nextbike im Rahmen der Fahrradmietsysteme Marktführer ist. Deren Angebot ist einfach flexibel, und für alle Arten von Städten, von Waren an der Müritz bis nach Frankfurt am Main anpassbar. Für Nutzer stehen bequeme, und vor allem alltagstaugliche Fahrräder zur Verfügung, und das zu durchaus akzeptablen Preisen, mit einer klar verständlichen Preisstruktur. Ein massiver Vorteil ist, dass man mit einer Mitgliedschaft fast alle von Nextbike betriebenen Systeme ebenfalls nutzen kann. Man sollte nur sicherstellen, dass auf dem Kundenkonto genug Geld ist. Alles in allem steht Nextbike auf einem Level mit Coca Cola Zero Bikes in Cork, und ich kann denjenigen, die in Städten leben, die von diesen Systemen abgedeckt werden nur empfehlen, ich dafür zu registrieren.

Website: www.nextbike.de

Mit diesen Bildern von der Nextbike-Station vor der weihnachtlich geschmückten Postgalerie in Speyer ist dann auch dieser Artikel zu Ende.

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