Der Türsteher von Cork - Camden Fort Meagher: Teil 1

An alten Gemäuern und Ruinen fehlt es in Irland ja nun wirklich nicht. Man muss nur einmal abends durch die Clubs und Pubs geben, um eine Bestätigung dafür zu bekommen, ach nee, halt, falsche Art Ruine! Wo war ich noch mal? Ach ja, bei Ruinen und alten Gemäuern. Gerade in einem Land wie Irland, wo politische Umschwünge meistens extrem negative gesundheitliche Folgen für diejenigen hatten, die durch so einen Umschwung abgelöst wurden, ist es eigentlich nur logisch, dass viele dieser alten Ruinen Befestigungen sind. Wenn man dann noch in der Umgebung einer so wichtigen Stadt wie Cork schaut, dann wird man bei genauerem hinsehen merken, dass es hier von alten Festungen nur so wimmelt. Über eine von ihnen, das Elizabeth Fort mitten im heutigen Stadtgebiet, hatte ich ja schon geschrieben. Es gibt aber noch einige mehr, gerade im Bereich der Bucht von Cork.

Geschichte

Über Jahrhunderte ist die Bucht von Cork nicht nur ein wichtiger Handelshafen gewesen, sondern auch ein wichtiger Marinestützpunkt. Bereits 1603 war auf Haulbowline Island ein Militärstützpunkt errichtet worden, wenn auch zuerst für die Armee. 1806 wurde dann mit dem Bau der heutigen Marinebasis begonnen. Da auf dem Kontinent so ein kleiner Franzose Gift und Galle gegen das Britische Empire spuckte, und eine recht effektive Marine zur Verfügung hatte, musste diese Basis natürlich gesichert werden. Da der Zugang zur Bucht nur durch eine einzige, noch dazu recht schmale, Einfahrt möglich ist, war es nur logisch, diese mit Forts zu sichern. Bereits seit dem frühen 17. Jahrhundert hatte es in der Nähe des Ortes Crosshaven eine kleine Geschützbatterie gegeben, die Ram’s Head Battery, benannt nach der Landspitze, auf der sie steht. Ab 1779 wurde die Ram’s Head Battery dann zu einem vollwertigen Artilleriefort ausgebaut. Gleichzeitig wurde auch ein ganzes System anderer Festungen errichtet, auf Spike Island entstand Fort Westmoreland, während auf der gegenüber liegenden Seite der Hafeneinfahrt Fort Carlisle gebaut wurde, ebenfalls auf dem Standort einer Geschützbatterie aus dem 17. Jahrhundert. Zusammen mit der Ram’s Head Battery, die 1795 zum Fort Camden wurde, machten es diese drei Forts durch ihre überlappenden Schussfelder praktisch unmöglich, in den Hafen einzudringen, ohne zu Fischfutter und Treibgut verarbeitet zu werden. Der Grundriss des Forts stammt zu einem beträchtlichen Teil aus dieser Zeit. 


Mit dem Ende der Napoleonischen Kriege war auch die größte Bedrohung für Cork und Irland erst einmal vorbei. Es gab zwar immer mal wieder die für Irland typischen Aufstände, aber keine Gefahr von außen. Die von 1806 bis 1824 groß ausgebaute Marinebasis Haulbowline Island wurde 1831 geschlossen, und im Jahr 1837 bestand die Besatzung von Fort Camden nur noch aus einem Artillerieschützen und 8 Soldaten, nachdem es zwischenzeitlich als Gefängnis gedient hatte. Ab dem Jahr 1861 kam dann aber wieder Leben in die Bude.
Frankreich, seit jeher Erzfeind des Empires, hatte sich von der Niederlage in den Napoleonischen Kriege erholt, und leistete sich ein Wettrüsten mit Großbritannien. Gepanzerte Dampfschiffe wie La Gloire auf französischer oder HMS Warrior auf britischer Seite waren zu stark gepanzert, um von den vorhandenen Geschützen in Küstenforts beschädigt werden zu können. Eine Invasion der britischen Inseln durch Frankreich war nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern wurde viel mehr auch als wahrscheinlich angesehen. Vor diesem Hintergrund wurde auf Anraten des britischen Premierministers Henry Temple, dem 3. Viscount Palmerston, eine Kommission in Leben gerufen, welche die Aufgabe hatte, Empfehlungen zur Verbesserung der Küstenverteidigung Englands und Irlands auszusprechen. Der Abschlussbericht der Kommission empfahl, nur die wichtigsten Standorte entlang der Küste zu sichern, wozu neben den traditionellen Zentren der Royal Navy in Portland, Plymouth, Chatham, oder Portsmouth auch Cork gehörte. 
1861 wurde damit begonnen, alle Forts an der Bucht von Cork massiv aufzurüsten. Neue Geschützstellungen wurden gebaut, ebenso wie Munitionsbunker, Mannschaftsunterkünfte, Maschinen-, und Generatorräume, und noch einiges mehr. Praktisch alle Gebäude, die heutzutage im Fort zu finden sind, stammen aus dieser Zeit. Die meisten Arbeiten sind allerdings nicht sichtbar, denn 65% der neuen Bauwerke wurden unterirdisch angelegt. 1863, 2 Jahre nach Beginn der Bauarbeiten ging der Hauptauftragnehmer für die Baumaßnahmen pleite, sowas hat in Irland offenbar Tradition, und das britische Kriegsministerium führte die Baumaßnahmen selbst durch. Hierbei wurden auch die landseitigen Verteidigungsstellungen verbessert. Man hatte die Lektionen der vergangenen Jahrhunderte nicht vergessen, war doch 1690 die alte Ram’s Head Battery im Rahmen des jakobitischen Aufstandes in Irland von Land her ausgeschaltet worden. Die alten Vorderladerkanonen wurden in den 1880er-Jahren durch moderne Hinterladergeschütze mit gezogenen Läufen ersetzt. Diese konnten nicht nur schwerere Geschosse abschießen, sondern man konnte sie auch laden, ohne sich selbst aus der Deckung der Festungsmauern zu begeben, ein kleines aber wichtiges Detail, was sich sehr positiv auf die Gesundheit der Geschützbesatzungen auswirkte. Im Jahr 1891 schließlich wurde Fort Camden mit einem Waffensystem ausgestattet, dass einem selbst heute noch hochmodern erscheint, dem Brennan-Torpedo.

Brennan-Torpedo


Diese Waffe ist so besonders, dass ich ihr hier sogar einen eigenen Abschnitt widme. Es handelt sich dabei nämlich um die erste einsatzfähige Lenkwaffe der Welt. Ihr Erfinder, Louis Brennan, stammte ursprünglich aus Irland, genauer gesagt aus Castlebar, Co. Mayo, hatte das System allerdings in Australien entwickelt. 1881 stellte Brennan die Waffe dem britischen Kriegsministerium vor. Die Royal Navy winkte ab, da das System für den Bordeinsatz ungeeignet war, die Royal Engineers, die damals für die Küstenverteidigung des Empire verantwortlich waren, waren vom Brennan-Torpedo jedoch ziemlich angetan. Nach einigen Tests wurde der Torpedo dann 1886 als System zur Hafenverteidigung in Dienst gestellt, wie für britische Waffensysteme üblich massiv hinter dem Zeitplan, und deutlich überteuert.
Wie zum Geier funktioniert das ganze denn nun? Das ist das eigentlich interessante an diesem Torpedo. Die Waffe verfügt, im Gegensatz zum 15 Jahre älteren Whitehead-Torpedo verfügt das Brennan-System über keinen internen Antrieb. Vor dem Abschuss werden zwei Drähte, die im Inneren des Torpedos auf Spulen aufgerollt sind, an entsprechende leere Spulen einer Dampfmaschine in der Feuerstellung angeschlossen. Diese Kabeltrommeln im Torpedo sind über ein Differentialgetriebe mit zwei gegenläufigen Propellern und dem Ruder verbunden. Sobald jetzt die Dampfmaschine anfängt, den Draht aufzuspulen, laufen auch die Antriebsschrauben des Torpedos an. Der Clou ist jetzt der, dass man, wenn man die Geschwindigkeit der einzelnen Spulen in der Feuerstellung variiert, über das Differentialgetriebe aus die Richtung des Torpedos verändern kann. Diese Steuerung ist dabei so genau, dass es durchaus möglich ist, an einem Ziel vorbei zu steuern, um es von der anderen Seite zu treffen, oder, wie in einem Test der Admiralität beobachtet, auf 1800 Meter ein Ziel von der Größe eines Obstkorbs auszuschalten.
Eine Feuerstellung für den Brennan-Torpedo bestand aus dem eigentlichen Torpedoraum, in dem die Torpedos mit Hilfe von Schienen an den Decken auf der Ablaufbahn positioniert, und für den Abschuss vorbereitet wurden, und dem Maschinenraum für die bereits erwähnten Dampfmaschinen. Neben den üblichen Lagerräumen für Verbrauchsgüter und weitere Torpedos gab es auch noch den Feuerleitstand für das Brennan-System. Dieser war aus Übersichtsgründen oftmals deutlich oberhalb der eigentlichen Feuerstellung untergebracht. Dort, wo dies aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht möglich war, wurde der Feuerleitstand in einem hydraulisch ausfahrbaren Turm untergebracht. Der genaue Abschussvorgang wird in diesem Youtube-Video auch noch einmal detailliert gezeigt.
So beeindruckend der Brennan Torpedo auch war, 1906 war es auch schon wieder vorbei mit dem Einsatz. Die im Vergleich zu modernen Geschützen geringe Reichweite, die Probleme der Steuerung des Torpedos bei Nacht, und die geringe Flexibilität des Systems bedeuteten das Ende des Brennan Torpedo als Waffe zur Küstenverteidigung. Das Aufgrund der bereits angesprochenen Budget-Überschreitungen nur 8 der geplanten 15 Stellungen weltweit gebaut werden konnten, hat vermute ich auch nicht wirklich geholfen.

Zurück zur Geschichte


Auch ohne den Brennan Torpedo spielte Fort Camden weiter eine wichtige Rolle in der Verteidigung der Bucht. Zwar war es, aufgrund der immer größer werdenden Reichweite moderner Geschütze, immer unwahrscheinlicher, dass ein Feind ins direkte Schussfeld des Forts kommen würde, indirektes Artilleriefeuer vom Fort war jedoch immer noch eine sehr potente Waffe. Außerdem konnten von Fort Camden und Fort Carlisle aus bei Bedarf sehr schnell die Zufahrt zur Bucht, und auch die Gewässer davor vermint werden. Die Dreierkonstellation um Fort Camden, Fort Carlisle, und Fort Westmoreland wurde zwischen 1904 und 1909 dann auch noch um ein weiteres Fort erweitert, Fort Templebreedy, knapp einen Kilometer weiter südlich.
Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde Haulbowline zum Dreh-, und Angelpunkt der Western Approaches, von hier aus wurde der Kampf gegen die deutschen U-Boote im Atlantik geführt. Dementsprechend wichtig war es, dass die Bucht von Cork bestmöglich geschützt wird, so dass alle 4 Forts, Westmoreland, Camden, Carlisle, und Templebreedy weiter verstärkt wurden. Mit fortschreitender Dauer des Krieges wurde auch die Gefahr durch Luftangriffe präsenter, um diese Zeit wurden die Forts daher das erste Mal mit Flugabwehrgeschützen ausgestattet. Nach dem fehlgeschlagenen Osteraufstand von 1916 wurde die Bedrohungssituation von Land aus angespannter. Fort Camden verfügte über ausgeklügelte Graben-, und Wallanlagen, die einen Angriff von Land fast unmöglich machen, daher waren die Besatzungen dieses Forts, und auch die von Fort Carlisle relativ geschützt, und Fort Westmoreland lag ja so oder so auf einer Insel, und hatte in alle Richtungen freies Schussfeld. Gerade Fort Templebreedy, das neueste der vier Forts, lag jedoch nicht nur sehr isoliert, sondern verfügte auch nicht über die Mauern und Gräben der anderen Forts, so dass es regelmäßig Überfälle der Irischen Aufständischen gab, die es auf die dort gelagerten Vorräte abgesehen hatten.
Im Unabhängigkeitskrieg wurde die Situation nicht besser, auch wenn die Forts von der IRA und ihrer Guerilla-Taktik nicht viel zu befürchten hatten. Als Irland dann 1922 seine Unabhängigkeit erlangte, blieb Fort Camden, zusammen mit den anderen Forts um die Bucht, britischen Besitz. Der Anglo-Irische Vertrag sah vor, dass drei Tiefwasserhäfen des irischen Freistaats in britischem Besitz bleiben sollten, um die Verteidigung der Western Approaches im Falle eines erneuten Krieges zu gewährleisten. Neben Lough Swilly, einem Tiefwasserfjord an der Grenze zwischen Donegal und Nordirland, waren dies der Hafen von Berehaven, heute Castletownbere auf der Beara-Halbinsel im Westen von County Cork, und die Bucht von Cork. Diese sogenannten “Treaty Ports”, oder Vertragshäfen wurden auch nach 1922 von britischen Soldaten besetzt und instand gehalten, eine Tatsache, die bei den Hardlinern der Irischen Unabhängigkeitsbewegung, wie Eamon de Valera, nun ja, nicht gerade Begeisterungsstürme auslöste. Erst 1938 wurden die Treaty Ports dann an den Irischen Freistaat, aus dem später die Republik Irland wurde, übergeben, und die Forts um Cork herum wurden nach “Helden” der Irischen Unabhängigkeitsbewegung benannt. Aus Fort Camden wurde Fort Meagher, Fort Westmoreland auf Spike Island wurde in Fort Mitchell umbenannt, und aus Fort Carlisle wurde Fort Davis. 
Kaum ein Jahr später wurden die Forts auf einmal wieder wichtig für Irland. Der 2. Weltkrieg war ausgebrochen, und Haulbowline Island wurde zur Heimat des Marine & Coastwatching Service, aus dem später die Irische Marine werden würde. Auf Fort Meagher und Fort Templebreedy zogen Küstenverteidigungseinheiten des Artilleriekorps der Irish Defence Forces ein, und die Flugabwehr wurde erneut verstärkt, ein Schritt der in Anbetracht der versehentlichen Bombardierung Dublins durch die Deutschen durchaus verständlich erscheint. Der 2. Weltkrieg hatte bewiesen, dass die Utopie eines entmilitarisierten Irlands, wie von De Valera vorgesehen, irrsinnig war, und so blieben Fort Meagher und Fort Davis auch weiterhin besetzt, nur Fort Templebreedy wurde 1946 als Stellung aufgegeben. Als sich in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Waffentechnik immer weiter entwickelte, waren die Forts als Verteidigungsstellungen immer weniger praktikabel. Sowohl Fort Meagher als auch Fort Davis wurden daher zunehmend als Ausbildungseinrichtungen verwendet, zuletzt für den Zivilschutz und die Reserve der Defence Forces, während aus Fort Mitchell ein Gefängnis wurde, das “irische Alcatraz”. 
1989 war es dann soweit. Fort Meagher wurde deaktiviert, die letzten Truppen wurden abgezogen, und das Fort wurde an Cork County Council übergeben. Die Verwaltung des County hatte ursprünglich vor, aus dem alten Artilleriefort eine Touristenattraktion zu machen, was sich ja eigentlich anbietet. Allerdings folgte dieses Projekt dem Pfad vieler Großprojekte in Irland, es verschwand sang-, und klanglos in der Versenkung, und das Fort verschwand gleichzeitig unter einer immer dichter werdenden Decke aus Büschen und Gestrüpp. Das Zeug wächst halt bei dem Klima hier wie nichts gutes. Die Wende kam dann 2010. Rescue Camden, eine Gruppe von Freiwilligen begann damit, das Fort in Eigenregie vom Gestrüpp zu befreien. Dabei wurden, und werden sie bis heute, vom Cork County Council, der ehemaligen Arbeits-, und Fortbildungsbehörde FAS, und den lokalen Wirtschaftskammern unterstützt. Die Freiwilligen von Rescue Camden sind es auch, die die Anlage, mittlerweile unter dem Namen Camden Fort Meagher, bis heute betreiben. Der Name ist dabei eine Kombination aus den Irischen und britischen Namen für das Fort, um die kontinuierliche Geschichte der Anlage zu betonen. Ich selbst werde in meinen Artikeln allerdings den britischen Namen verwenden, der wird mir wenigstens nicht von dieser verflixten Autocorrect-Funktion verhunzt!

Meine Eindrücke vom Besuch auf Fort Camden werdet ihr im nächsten Artikel sehen, aus Übersichtsgründen habe ich den ursprünglichen Bericht auf zwei Artikel verteilt. Diesen Artikel findet ihr hier.

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