Aus für die CeBIT - Ein Armutszeugnis für Deutschland!

Die CeBIT wird also eingestellt. So überraschend diese Meldung war, als sie letzte Woche durch den Blätterwald geisterte, so unausweichlich erscheint die Einstellung im Nachhinein. Die Messe litt seit Jahren an einem rasanten Besucher-, und Ausstellungsschwund, und die diversen Rettungsversuche der Veranstalter schienen in ihrer Verzweiflung vor allem geeignet, eben jene Besucher und Aussteller einem nach dem anderen zu vergraulen. Hinzu kamen Änderungen in der IT-Landschaft als solche, die eine allgemeine Messe wie die CeBIT immer mehr unter Druck setzten. Bereiche wie das Gaming oder Mobilfunk, die früher ein integraler Bestandteil der Messe waren, haben mittlerweile mit Events wie der Gamescom oder E3 für Gamer, oder dem MWC in Barcelona für Smartphones ihr eigenes Zuhause gefunden, während Unternehmen wie Google, Apple, etc. lieber auf ihre eigenen Hausmessen setzen, wie die WWDC oder Google I/O.
Diese Hallen werden sich 2019 nicht erneut für Besucher öffnen

In dieser Hinsicht steht das Aus für die Cebit aber auch für etwas anderes. Sie repräsentiert das Versagen der deutschen IT-Politik, und der Deutschen Gesellschaft als solches im Hinblick auf IT-Fragen. Anstatt eigene Akzente zu setzen, hat man sich in Deutschland zu lange darauf verlassen, dass der Standort alleine zieht, was durch eine unter verschiedensten Deckmänteln gepflegte Ignoranz gegenüber dem Themenkreis IT mit allen seinen Facetten noch verstärkt wurde. „Irgendwas mit Computer“ ist somit nicht nur eine leider nach wie vor gängige und akzeptierte Jobbeschreibung in Deutschland, sondern war letztendlich auch das Motto, unter dem die CeBIT immer weiter gewurschtelt hat, und das reicht heutzutage einfach nicht mehr aus. Die von Seiten der Veranstalter immer wieder zur Schau gestellte Verachtung für Privatbesucher der Messe ist ein weiteres Symptom dieser Ignoranz, die schlicht und einfach voraussetzt, dass nur Konzerne ein echtes Interesse an IT-Themen haben können. Wie auch in der deutschen IT-Wirtschaft, die fast ausschließlich von reinen B2B-Unternehmen wie SAP dominiert wird, finden alle Bereiche, die für Endkunden interessant sein könnten, keinerlei Bedeutung. Eine IT außerhalb von Großunternehmen und Rechenzentren findet scheinbar nicht statt, Unternehmen, die in dem Bereich etwas versuchen, werden im besten Fall belächelt, im schlimmsten Fall aktiv behindert.
Auch der Versuch, in andere IT-affine Themenbereiche zu expandieren konnte die CeBIT leider nicht retten.

Insofern ist der Niedergang der CeBIT nicht nur folgerichtig, sondern ein Symbol für die IT-Landschaft in Deutschland. Der Niedergang eines derartigen Flaggschiffs sollte eigentlich für alle Beteiligten ein Signal sein, dass ein „weiter so“ nicht hilfreich ist, und endlich ein massives Umdenken einsetzen muss. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Entscheidungsträger in der Politik mittlerweile weit jenseits des Rentenalters sind (Warum treffen derartige Fossilien Entscheidungen für die Zukunft, wenn sie in aller Regel doch längst unter der Erde sind, wenn die Konsequenzen eintreten?) halte ich ein derartiges Umdenken jedoch für de facto unmöglich. Die Generation der Seehofers, Merkels, etc. betrachtet alles, was mit Computern zu tun hat bestenfalls als nette Spielerei, in den meisten Fällen eher als Bedrohung, und sind so oder zu sehr den großen deutschen Industriekonzernen hörig, in denen ähnlich verknöcherte Gestalten sitzen, denen ebenfalls jegliches Verständnis fehlt. 
Und selbst wenn das Verständnis da wäre, herrscht in der Bevölkerung mittlerweile eine derartige Verachtung auf alles Neue, alles aus dem Rahmen fallende, dass jeglicher ernsthafte Versuch, einen Neuanfang im IT-Sektor zu starten, von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Dafür bedarf es noch nicht einmal der „Zurück-in-die-Fünfziger“-Mentalität der AfD, auch wenn diese Partei mit Sicherheit am radikalsten in ihrer Ablehnung zu diesem Thema auftritt. Auch unter den traditionell Grün wählenden Helikoptereltern ist diese Gefühlslage weit verbreitet. Wenn man sich diese ganzen Faktoren vor Augen führt, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als den Veranstaltern der CeBIT Respekt dafür zu zollen, dass sie in einem effektiv feindlichen Umfeld überhaupt so lange durchgehalten haben.
So sehr ich MacBooks auch liebe, selbst mir ist klar, dass sich in der IT-Industrie einiges ändern muss. Das Ende der CeBIT zeigt jedoch ganz klar, das ein derartiger Impuls nicht aus Deutschland kommen wird.

Dies ist um so ärgerlicher, als dass neue Mitspieler im IT-Bereich dringend erforderlich sind. Microsoft dominiert weiterhin im Bereich Betriebssysteme, Android ist bei Smartphones ähnlich dominant, während Twitter und Facebook im Bereich der sozialen Netzwerke die Nase vorn haben, und Apple nach wie vor den Online-Musikmarkt dominiert. Dabei sind alle oben genannten Unternehmen mittlerweile zu absoluten Platzhirschen mutiert, die dringend Konkurrenz benötigen. Alternativen gibt es kaum, Linux fristet nach wie vor ein Schattendasein, und in der Community herrscht nach wie vor kein Bewusstsein dafür, dass ein Betriebssystem in erster Linie einfach und komfortabel sein muss, um für normale Nutzer attraktiv zu sein, genau so wenig wie ein Wille da ist, wirklich Werbung für das Linux-Ökosystem zu machen. Ähnlich sieht die Situation bei Sailfish OS, einem der wenigen alternativen Smartphone-Betriebssysteme aus. Über die Probleme bei Facebook, Twitter, und Co. muss ich ja wohl kein Wort verlieren, hoffe ich?
Es gibt also genug Möglichkeiten, für ein Startup mit einem guten Konzept, den Markt aufzurollen, und eine ernstzunehmende Alternative zu den großen US-Konzernen zu bilden. Mit 80 Millionen Einwohnern ist der deutsche Markt groß genug, um einem derartigen Neuankömmling einen guten Start zu bieten, erst recht, wenn die Regierung umdenkt, und wirksame Fördermechanismen für derartige Unternehmen auf die Beine stellt. Ein System, das von der Attraktivität her mit Windows, oder OS X mithalten kann, und dabei datenschutztechnisch die GDPR-Vorgaben übererfüllt, hat das Zeug zum „Next Big Thing.“ Dazu bedarf es in Deutschland jedoch der Einsicht, dass die Mentalität, die das Wirtschaftswunder ermöglicht hat, also Gehorsam, Risikoscheue, Unauffälligkeit, und die komplette Ablehnung individueller Kreativität, im 21. Jahrhundert ein Hindernis darstellt. So lange dieser Mentalitätswechsel nicht stattfindet, und zwar auf Regierungsebene ebenso wie in der Bevölkerung, wird das Ende der Cebit nichts weiter sein als ein Vorgeschmack auf das Schicksal des IT-Standorts, und schlussendlich des Wirtschaftsstandorts Deutschland sein.

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