Irland für Anfänger oder: Die Spleens der Grünen Insel

Ich habe grad gesehen, das mein letzter Blogpost schon einige Monate her ist. Ich hatte ja gesagt, das es eventuell etwas dauern könnte, bis ich wieder zum schreiben komme. Das es so lang dauert, hat aber auch mich überrascht. Die Zeit scheint wie im nu verflogen zu sein. Es ist nach wie vor etwas surreal, hier aufzuwachen, und mal selbst Ausländer zu sein, vor allem wenn dann der Moment kommt, in dem ich realisiere, das ich jetzt hier lebe, das die Grüne Insel jetzt meine Heimat ist.
Trotzdem kann man nicht umhin kommen, zu bemerken, das auf dieser Insel die Dinge etwas anders laufen. Man sagt ja, das hätten Insulaner so an sich, das sie ihren eigenen Ticks haben. Ich hab mir mal ein Sachen notiert.
Der Straßenverkehr ist ein Thema für sich. Der Linksverkehr ist nicht so das große Problem, links lag mir ja schon immer etwas näher. Gerade als Fußgänger sollte man, zumindest hier in Cork, immer den Kopf kreisen lassen. Ampeln werden hier nämlich eher als unverbindliche  Vorschläge, denn als verbindliche Richtlinien gesehen, und zwar von allen Verkehrsteilnehmern. Der Fahrer des Busses in dem du sitzt, und in dem du immer wieder panisch auf die Uhr schaust, weil du spät dran bist für die Arbeit bildet hier natürlich die Ausnahme. Schließlich ist die bekannteste Leistung der Iren für die Internationale Rechtsprechung nicht umsonst Murphy's Gesetz.
Fußgänger sind hier aber auch nicht unschuldig. Auch diese sehen geflissentlich über Rote Ampeln hinweg, und flitzen zwischen den Autos hindurch wie ein Soldat von einer Deckung zur nächsten. Gottvertrauen scheint hier immer noch weit verbreitet zu sein.
Stichwort Gottvertrauen. Das bringt mich auf das Thema Religion. Aufgrund der Geschichte des Landes ist die Römisch-Katholische Kirche nach wie vor eine prägende Kraft in diesem Land. Und auch wenn die dunklen Zeiten, in denen unverheiratete Mütter in "Wäschereien," deren Arbeits-, und Lebensbedingungen eher Arbeitslagern glichen, gestopft wurden, vorbei sind, so zeigen Fälle wie die der von Savita Halappanavar, das Irland durchaus noch sehr konservativ ist. Man sollte daher erwarten, das am Sonntag hier die Bürgersteige hochgeklappt sind. Wer einmal den Fehler gemacht hat, am Sonntag Nachmittag auf der Patrick Street unterwegs zu sein, der weiss, wie es hier abgeht. Alle großen, und auch viele kleinere Geschäfte haben auch am Sonntag geöffnet, wenn auch erst ab 12 Uhr.
Wenn das in einem derart konservativen religiösen Land möglich ist, wieso dann nicht in einem aufgeklärten Land wie Deutschland? Hier müssen sich die die Kirchen in Deutschland zurecht wieder einmal Verlogenheit vorwerfen lassen. Aber was will man in einem Land erwarten, in dem mit Gestalten wie Bischof Tebartz - Van Elst der Kirchenadel aus vor-lutherischer Zeit ein Revival erlebt?
Aber genug davon. Wenn ich weiter über Deutschland schreibe, krieg ich noch Depressionen. Obwohl, das passiert mir auch wenn ich an die Irische "Küche" denke. Diese ist nämlich nicht so ganz das wahre. Wenn man an die Geschichte denkt, dann ist das durchaus nicht unverständlich. Trotzdem komm ich nicht umhin, mir die Frage zu stellen, ob diejenigen, die die moderne irische Küche entwickelt haben, nicht aus den Englischen Kochschulen geflogen sind, und zwar mangels Talent. Dies ist um so bedauerlicher, wenn man bedenkt, das Irland inmitten reicher Fischgründe liegt, und auch ansonsten mittlerweile hervorragende Zutaten liefert. Das Bier ist allerdings ueber alle Zweifel erhaben, und wenn man sich anschaut, was hier auf den Tisch kommt, dann ist ein Pint zum Essen durchaus verständlich. Ich könnte das jedenfalls nicht nüchtern ertragen!
Ich hatte weiter oben ja bereits erwähnt, das die Busse hier in Cork ein etwas "spezielles" Thema sind. Das die Fahrweise manchmal etwas "impulsiv" ist soweit ja nix ungewöhnliches, da bin ich aus Frankfurt schlimmeres gewohnt. Was hier allerdings besonders auffällt, ist wie es die Busfahrer teilweise schaffen, sich in Lücken reinzumogeln, die eigentlich eher für Fahrzeuge vom Typ Mini oder Smart gedacht sind.
Dies soll jetzt nicht heißen, das die Fahrer von Bus Eireann in irgend einer Form asoziale Geschöpfe wären. Ganz im Gegenteil, sie sind sehr sozial. Das zeigt sich allein darin, das sie auch mal jemanden rein-, oder raus lassen wenn sie gerade an einer Roten Ampel warten, und damit zu den wenigen gehören, die so etwas beachten. Es ist auch nicht wirklich ungewöhnlich, mal kurz eine der Hauptverkehrsadern zu blockieren, weil man mit dem Fahrer des entgegen kommenden Busses ein Pläuschchen hält. Und weil der moderne Busfahrer ja auch informiert sein will, kennt er auch keine Skrupel, bei einem der diversen Verkäufer der lokalen Tageszeitung, des Evening Echo, anzuhalten, und sich mit den Nachrichten des Tages einzudecken. 
Die Haupteinkaufsstraße von Cork, die Patrick Street, hatte ich ja schon erwähnt. Hier tobt das Leben, und das fast zu jeder Tageszeit. Nur um Sechs Uhr morgens ist es etwas ruhiger, aber welcher vernunftbegabte Mensch ist zu dieser nachtschlafenden Zeit auch freiwillig unterwegs? Menschen auf dem Weg zur Arbeit zählen nicht, das ist ja net unbedingt freiwillig. 
Was einem auf der Patrick Street aber immer wieder auffällt, ist das manche Leute die Maxime "weniger ist mehr" komplett übertreiben. Ich bin weiß Gott kein verklemmter Mensch, aber so wie hier die Jugend rumläuft, da kriegt man wirklich das kalte Grausen. Als ich noch jung war, ist meine Familie mit mir im Schlepptau von Hamburg nach Prag umgezogen. Die Fahrt ging auch durch die Deutsch-Tschechische Grenzregion, die damals für ihre um sich greifende Prostitution berüchtigt war. Ganz ehrlich, die diversen Bordsteinschwalben dort waren in aller Regel dezenter gekleidet, als die Mädels, die hier nach Schulschluss oder am Wochenende die Innenstadt unsicher machen. Die Jungs der People's Republic of Cork haben zu dem Thema zwei passende Artikel geschrieben, die ich nur empfehlen kann. Gute Englischkenntnisse sind allerdings zwingend erforderlich, um die ganze Brillianz dieser Artikel zu erfassen.
Die "Volksrepublik Cork" ist wiederum ein Thema für sich. Um das zu verstehen muss ich etwas weiter ausholen: Am Anfang war das Wort..., ach Mist, jetzt hab ich schon wieder zu weit ausgeholt. Der Lokalpatriotismus der Corkonians ist sehr stark ausgeprägt, was nur zum Teil an der Tatsache liegt, das Cork die zweitgrößte Stadt Irlands ist. Man sieht sich in Cork als wahre Hauptstadt Irlands, was auf die Wirren des Irischen Bürgerkriegs in den 1920ern zurückzuführen ist. Während dieser Zeit war Cork ein Zentrum der Gegner des Englisch-Irischen Vertrags, der die Zweiteilung der Insel und die Gründung des Irischen Freistaates, der späteren Republik Irland regelte, war. In dieser Zeit war Cork zeitweilig die Hauptstadt einer Republik Munster. Einer der Spitznamen für die Einwohner Corks, "Rebel" entspringt zu gleichen Teilen den Wirren dieser Zeit und der Zeit des Englischen Rosenkrieges, als Cork dem Ursurpator Perkin Warbeck Unterstützung und Zuflucht gewährte. 
Aus diesen Wurzeln erhob sich schließlich die People's Republic of Cork, die sich mit einer gepflegten Portion Sarkasmus für die Unabhängikeit der Stadt und des County Cork vom Rest Irlands einsetzt. Up Rebels sag ich dazu nur.
Das war es für's erste. Ich bin mir sicher, das zu dieser Sammlung an kleinen Spleens und Besonderheiten noch einige dazu kommen wird. Und bitte nicht falsch verstehen, ich bin heilfroh, hierher gezogen zu sein. Es ist schön, in einer Stadt zu wohnen, die genau so durchgeknallt ist wie ich. Normal kann ja schließlich jeder.

Kommentare

  1. Schöne Grüße vom Frankfurter Michael!
    Vielen Dank für den guten Bericht!
    Die beiden empfohlenen Artikel werde ich mir voraussichtlich am Wochenende zu Gemüte führen :-)

    Dein letzter Absatz beantwortet auch meine bis dahin offene Frage, ob es Dir wirklich immer noch in Cork gefällt ;-)

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