Ein Jahr Irland - Zwischenbilanz einer unglaublichen Zeit

Über ein Jahr ist es mittlerweile her, das ich Deutschland den Rücken gekehrt habe. Es klingt nach wie vor unglaublich. Ausgerechnet ich als eingefleischter Apple-Gegner arbeite mittlerweile seit 14 Monaten für den Elektronik-Riesen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich in weniger als einem Monat mein Leben in Deutschland abwickeln musste (kein großes Ding), und alles für den Sprung nach Westen vorbereiten sollte (das war ein ganz anderes Thema). Ich musste mich immer wieder kneifen, um sicherzustellen, das ich eben NICHT träume. Um es vorweg zu sagen, so geht es mir heute immer noch.
Man sollte eigentlich erwarten, das sich bei einem derartigen Umzug irgendwann Heimweh einstellt. So komisch es klingt, so ist es mir nie gegangen, selbst in den Momenten, wo das Geld hinten und vorne fehlte, und ich mit einer Kehlkopfentzündung in einer halb leeren Wohnung saß. So komisch es klingt, aber Irland, vor allem aber Cork, war mir schon nach wenigen Wochen nicht mehr fremd. Schön, ich beherrsche die zweite Landessprache fließend, auch wenn ich immer noch ahnungslos dreinblicke, wenn es as Gaeilge zur Sache geht, aber trotzdem hatte ich hier von Anfang an das Gefühl, hier am richtigen Ort zu sein. 
Einen großen Anteil daran haben die Kollegen, mit denen ich bei Apple angefangen habe, und bei denen ich teilweise die Ehre habe, sie als meine Freunde zählen zu dürfen. Auch wenn einige schon wieder weitergezogen haben, und ihr Heil in anderen Firmen, zurück in Deutschland, oder (Gott bewahre!) In England gefunden haben, so komme ich doch nicht umhin, zu sagen, das ich es hier mit einer ganz besonderen Gruppe zu tun habe.
Dies erstreckt sich nicht allein auf meine Deutschen oder Österreichischen Kollegen, sondern nicht zuletzt auch auf diejenigen aus Frankreich. Ich weiß, das es beliebt ist, über die angebliche Arroganz der Franzosen zu lästern, ich kann jedoch aus eigener Erfahrung sagen das dies einfach nur ein Fehler und ein Vorurteil ist. 
Schließlich muss ich auch sagen, das mein Arbeitgeber einiges zu diesem Wohlgefühl beigetragen hat. Es ist immer schwierig, über eine Firma wie Apple zu schreiben, die sehr viel Wert auf Verschwiegenheit legt. Die Atmosphäre, die den Standort in Hollyhill durchdringt, kann man jedoch getrost als im positiven Sinne geladen bezeichnen. In dem Standort steckt Energie, nichts und niemand steht still, während trotzdem ein gewisser entspannter Geist vorherrscht, den wohl nur Firmen wirklich in sich aufgenommen haben, die im Silicon Valley groß geworden sind, und ihre Wurzeln nie verleugnet haben.
Natürlich ist auch hier in Irland nicht alles Gold was glänzt. Die grüne Insel hat auch ihre Schattenseiten. Viele Teile von Cork sind von der Wirtschaftskrise des Landes gezeichnet. Der Leerstand auf den Hauptgeschäftsstraßen in Cork ist erschreckend für die zweitgrößte Stadt des Landes, erst recht wenn man bedenkt, das die Rebel City noch gut da steht im Vergeich zu den Städten im Nordwesten des Landes, oder im äußeren Commuter Belt um Dublin herum. Die Infrastruktur ist in vielen Bereichen ein Witz, und auf die irische Bau"qualität" komme ich lieber gar nicht erst zu sprechen.
Aber auch hier tut sich etwas. Auch wenn große Einkaufszentren, wie z.B. das Cornmarket Centre, teilweise mit einem Leerstand von 80% oder mehr zu kämpfen haben, so tauchen doch im Stadtbild immer wieder Anzeichen dafür auf, das es bergauf geht. Gerade in den letzten Wochen sind an diversen Häusern entlang der Patrick Street und in anderen Bereichen der Innenstadt Baugerüste hochgezogen worden, die auf eine Sanierung und Revitalisierung hindeuten. Die Arbeitsmarktzahlen werden ebenfalls besser, ebenso wie die Wirtschaftsdaten des kompletten Landes. Man sagt ja, das der beste Zeitpunkt, um in den Markt einzusteigen das Ende einer Krise ist. Insofern schein ich gerade im rechten Moment nach Irland gekommen zu sein.
Außerdem komme ich nicht umhin, festzustellen wie viel freier ich mich hier in Irland fühle. Ja, Deutschland verfügt, Hartz IV zum trotz, über ein recht stabiles soziales Netz, das in Irland meiner Erfahrung nach nicht gegeben ist. Dieses Netz schnürt einen jedoch auch immer etwas ein, was hier auf der grünen Insel nicht der Fall ist. Ja, die Arbeitsgesetze sind erheblich Arbeitgeberfreundlicher als in Deutschland. Ja, das Gesundheitssystem ist eigentlich ein Witz, und ja, man kann ziemlich schnell ziemich weit fallen. Man ist jedoch dadurch auch erheblich freier in seinen Entscheidungen. Es gibt erheblich weniger Fallstricke, und Ketten, die einen zurückhalten. Auch unter diesem Aspekt bin ich definitiv am richtigen Ort.
Wo geht es also von hier an hin? Nun, ich kann es nicht sagen. Wenn mir mein Umzug nach Irland eines gezeigt hat, dann das Pläne in der heutigen Zeit unter Umständen eine noch kürzere Halbwertszeit haben, als die Wahlversprechen der Deutschen Parteien. Für mich ergibt sich daraus allerdings auch der Schluss, das nichts unmöglich ist. Wo ich in einem Jahr sein werde? Hoffentlich hier in Cork, aber wer weiß? Vor mir liegt ein unentdecktes Land, wer kann schon sagen was sich jenseits des Horizonts verbirgt?

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