Dauerhaft scharf? - Review Lytro Lichtfeldkamera

Fotokameras sind ja seit jeher zu gleichen Teilen Werkzeuge, Wunderwerke der Technik, und Glaubensbekenntnis. Ob Film, Digital, Spiegelreflex, Point and shoot, oder Handykamera, alle Systeme haben ihre Vor-, und Nachteile, und die, nennen wir es mal "Diskussionen", die zwischen den Befürwortern der einzelnen Systeme teilweise geführt werden, stehen dem Bildersturm in der Frühzeit des Christentums kaum nach. Die grundlegende Technik hat sich jedoch nie wirklich geändert. Egal ob Es jetzt um Film geht, oder um einen Bildsensor, das Licht, dass durch die Optik eingefangen wurde, wird punktuell festgehalten, nämlich an dem Punkt, an dem der Lichtstrahl auf das Medium trifft. Das heißt also auch, dass ein Bild das unscharf aufgenommen wurde dauerhaft verhunzt ist, eine Tatsache, die mir schon diverse Male wüste Flüche abegrungen hat, wenn ich am Ende eines Fotoausflugs herausfinden durfte, das 50% der Bilder unbrauchbar waren.
Vor einigen Jahren kam jedoch ein Tüftler in den Staaten auf eine interessante Idee. Was ist, wenn man mithilfe eines transparenten Sensors das gleiche Bild zwei Mal einfangen würde? Theoretisch müssten sich aus diesem erfassten "Lichtfeld" daraus dann die Vektordaten des einfallenden Licht ermitteln, und das Bild dadurch auch nach der Aufnahme noch scharfstellen lassen. Der Kopf hinter dieser Theorie machte diese zum Thema seiner Dissertation, bei der ich nicht mal dran denke so zu tun, als würde ich sie verstehen. Allerdings blieb es nicht bei der Dissertation, wie im Silicon Valley übrig wurde auch gleich noch angefangen, aus diesem Prinzip eine nutzbare Kamera zu machen. Wie viele Prototypen verworfen wurden, und wie intensiv geflucht wurde, ist mir nicht bekannt. Das Endprodukt, die Lytro-Lichtfeldkamera sorgte jedoch bei seiner Veröffentlichung 2012 für Furore.
Leider hatte die ursprüngliche Lytro, nennen wir sie mal die Lytro Mk.I, auch einiges an Schwachstellen, und einen ziemlich hohen Einstiegspreis, so dass sich der kommerzielle Erfolg in Grenzen hielt, auf diese Schwachstellen werde ich auch in diesem Artikel noch zu sprechen kommen. Es kam jedoch wie es kommen musste, und Lytro lies die ursprüngliche Mk.I, die als Lifestyle-Kamera gedacht gewesen war, auslaufen, um sich auf den semi-professionellen und professionellen Markt zu konzentrieren. Dies bedeutete wiederum, das die Lagerbestände aufgelöst werden mussten, und dass die Lytro teilweise zu sehr günstigen Preisen zu haben zu waren. So bin ich auch an meine eigene Lytro rangekommen, die mein Vater für mich für 40$ in den USA über Ebay erlegt hat. Nach einigen Querelen mit der Verzollung und teilweise widersprüchlichen Angaben kam die Kamera dann Anfang Mai bei mir an. Und, was soll ich sagen, es ist eine Kamera, wie ich sie vorher noch nie gesehen habe.
Irgendwie kommt mir als altem Appleaner diese Verpackung bekannt vor.
Und da ist das gute Stück auch schon.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, bei dieser Kamera zu schauen, wo vorne und hinten ist. Entweder man schaut, wo die Linse ist, da ist vorn, oder man achtet auf die gummierte Beschichtung, da ist hinten.
Sobald man die Verpackung in den Händen hält merkt man, das die Kamera als Designprodukt gedacht ist. Die Verpackung erinnert nämlich nicht nur oberflächlich, sondern auch vom Aufbau her an die eines iPhones. Ich sollte es wissen, ich hab schon das zweite, und hab die Biester auch eine Zeit lang supportet. Diese Ähnlichkeit kommt übrigens nicht von ungefähr, im Vorlauf zum Produktionsstart der Lytro gab es nämlich enge Kontakte mit Apple, und es war sogar eine zeitlang geplant, die Lichtfeldtechnik der Lytro für die iSight-Kamera des iPhone 5 zu verwenden. Aus diesen Plänen wurde jedoch leider nichts.
Hier die Linse noch einmal in besserem Licht.
Und hier die Perspektive von der anderen Seite, mit Blick auf die größte Schwachstelle der Kamera, das  Display. Aber dazu später mehr.
Auf der Oberseite findet man den Auslöser, und eine Sensorleiste für den optischen Zoom, der ganz schwach  durch erhobenes Gummi erkenn-, und ertastbar ist.
Auf der Unterseite befindet sich der Ein/Aus-Schalter, der Micro-USB-Port zum aufladen und  zur Bildübertragung, sowie die Öffnungen für die Handschlaufe, die ich auf jeden Fall empfehle!
Die Kamera selbst ist genau so ungewöhnlich wie die verbaute Technik. Wären das Display an der Rückseite, und das Objektiv an der Vorderseite nicht, könnte man sie glatt für eine Powerbank, einen überdimensionierten USB-Stick, oder etwas ähnliches halten. Das Gehäuse der Kamera besteht aus Aluminium, im hinteren Drittel ist es mit einer gerippten Gummischicht überzogen, dort befinden sich auch die wenigen Bedienelemente und das Display. Gleich vorweg, die Lytro hat kein Stativgewinde, sofern ihr also keinen der überteuerten Stativadapter ergattern konntet, werdet ihr die Kamera in der Hand halten müssen. An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen, die wirkt hochwertig, und das relativ hohe Gewicht verstärkt sich der solide Eindruck noch.
Der schwarze Rahmen oben enthält die Dokumentation, während im weißen Kasten in der Bildmitte das spärliche Zubehör  untergebracht ist
Das ist dabei: Micro-USB-Kabel zur Bildübertragung und zum laden, die Kamera (logisch), eine Handschlaufe, ein magnetischer Objektivdeckel, und ein Reinigungstuch.
Der Lieferumfang der Lytro hält sich in Grenzen. Neben der Kamera selbst bekommt man noch ein Micro-USB-Kabel zum aufladen und synchronisieren der Kamera, eine Trageschlaufe für’s Handgelenk, ein Reinigungstuch, und einen Objektivdeckel. Letzterer ist magnetisch, und ein gewisses Ärgernis, da er sich recht leicht löst. Wenn das in einer Tasche passiert, in der man z.B. auch einen Schlüssel hat, dann kann es recht schnell um das Objektiv geschehen sein. Wer andererseits eine Kamera, unabhängig davon was für eine, ohne Schutzhülle in einer Tasche mit spitzen Gegenständen transportiert, der fordert so etwas in meinen Augen gerade zu heraus. 
Die Bedienung ist einfach, ein Druck auf den Ein/Aus-Schalter auf der Unterseite, und die Kamera ist einsatzbereit. Da die Kamera nicht fokussiert werden muss, reicht ein Druck auf den Auslöser aus, und schon hat man das Bild im Kasten. Die Lytro verfügt über einen vollwertigen optischen Achtfach-Zoom, dieser wird über einen Sensor-Streifen hinter dem Auslöser kontrolliert. Alle weiteren Einstellungen werden über den 1,5-Zoll-Touchscreen gemacht, womit wir auch schon bei einem Hauptkritikpunkt wären. Ich mein, ich kann ja verstehen, das nicht jedes Gerät mit einem HD-, oder gar einem Retina-Display ausgestattet werden kann, aber dieses Display ist einfach nur noch eine Frechheit. Eine Auflösung von 128x128 Pixeln? Geht’s noch? Da hatte selbst mein gutes altes Samsung SGH-E700 anno 2003/4 eine bessere Displayauflösung, und das war sogar noch ein OLED-Display. Hinzu kommt noch, dass auf dem Display kaum noch was zu erkennen ist, sobald man es etwas schräg anschaut. Blickwinkelunabhängigkeit, was ist das? Der große Vorteil ist, das Bilder, die man versammelt hat, weil man die Kamera so halten musste, das man das Display nicht erkennen konnte, recht schnell gelöscht werden können. So beschissen die Auflösung auch ist, der Touch Screen reagiert verdammt gut.
Entschuldigt bitte die Fingerabdrücke. Unabhängig von denen ist das Display eine absolute Frechheit! Wenn ihr das Bild aufruft, werdet ihr die einzelnen Pixel locker erkennen können.
Einmal von links nach rechts wischen bringt, zumindest bei der aktuellen Softwareversion, das WLAN-Symbol zum Vorschein, mit dem man den Adhoc-Hotspot der Kamera zur Bildübertragung aktivieren kann.
Die Lytro verfügt über zwei Aufnahmemodi, Alltag und “Kreativ”. Im Alltagsmodus entscheidet die Kamera selbsttätig, was der Vordergrund, und was der Hintergrund einer Aufnahme ist, im Kreativmodus legt man dies selbst fest. Mithilfe einer zusätzlichen Einstellung kann man auch noch Belichtungszeit und Verschluss manuell einstellen, und einen ND-Filter hinzuschalten. Letzteres dürfte gerade bei Langzeitbelichtungen, wie ich sie gerne mache, interessant werden. Unabhängig davon, welche Einstellung man nimmt, man muss seine Fotogewohnheiten umstellen, um das beste aus der Lytro rausholen zu können, dazu aber später mehr.
Wenn man die Bilder dann im Kasten hat, muss man sie ja irgendwie auch auf den heimischen Computer bekommen. Ein USB-Kabel liegt ja, wie bereits erwähnt, bei. Einfach die Kamera an den Computer anschließen, und schon wird der Installationsvorgang für die Software gestartet, bei meinem MacBook lief dies darauf hinaus, dass Lytro Desktop 4 automatisch von der Website heruntergeladen und installiert wurde. Es gibt aber auch Software für Windows sowie für iOS und Android. Aufgrund der Natur der Aufnahmen lässt sich die Schärfe NUR innerhalb dieser Programme oder auf Lytro Web verstellen, da die Kamera ein proprietäres Dateiformat verwendet. Da hier eben ein komplettes "Lichtfeld" abgebildet wird, wie es in der Kameradokumentation heißt, kann ich das hier sogar nachvollziehen. Andererseits schränkt es die Nutzbarkeit der Kamera auch deutlich ein, vor allem da die Möglichkeiten, die Bilder zu teilen sehr beschränkt werden. Auf einem Blog kann man die Aufnahmen aber immer einbetten, keine Sorge.
Viel gibt es in der Desktop-App, hier die Version für MacOS X auf den ersten Blick nicht zu sehen.
In der Mobil-App, hier die Version für iOS, sieht es ähnlich aus.
Die Desktopp-App ermöglicht einem, die Bilder in begrenztem Maß zu bearbeiten, auch wenn sie natürlich keine Konkurrenz für Photoshop, GIMP, etc. ist. Auch Firmware-, und Software-Updates für die Lytro werden über die Desktop-App heruntergeladen und installiert, wobei es noch fraglich ist, wie viele Updates es für die Kamera noch geben wird, da sich der Hersteller mittlerweile wie gesagt auf eher hochpreisige Geräte spezialisiert hat. Von der App für Mobilgeräte kann man dies leider nicht behaupten, diese ist mehr oder weniger ein reines Update-Tool. Wenn man aber die Bilder unterwegs schnell hochladen will, dann ist sie durchaus brauchbar. Dies gilt erst recht, seitdem bei einem der letzten Software-Updates die WLAN-Funktionalität freigschaltet wurde, mit der die Lytro einen Instant Hotspot erzeugt, in den man sich mit seinem iOS-, oder Android-Gerät einloggt, in meinem Fall war das ein iPad mini 2. WARNUNG: Die Bilddateien der Lytro können durchaus mehrere hundert Megabyte groß werden, also achtet entweder darauf, das ihr ein entsprechendes Datemvolumen für den Upload zur Verfügung habt, oder nutzt öffentliche WLAN-Hotspots. Deutsche Nutzer sind dadurch zwar, aufgrund der Unfähigkeit der Politik und der Raffgier der Wirtschaft, wieder mal gekniffen, in zivilisierten Ländern wie Irland ist dies jedoch weniger problematisch. Sorry, der Seitenhieb auf die "Internet-ist-Neuland"-Trottel musste einfach sein!
Neben der normalen Funktion als Bildbetrachter kann man in der Lytro-Desktop-App...
Auch Farbkorrekturen, etc. durchführen, sowie diverse Parameter verändern, die einzigartig bei diesen sogenannten living Pictures sind.
Auch Animationen lassen sich in der Desktop-App bearbeiten.
Da die Lytro mit dem Lichtfeld auch dreidimensionale Positionsdaten aufnimmt, lassen sich die Bilder auch in 3D wiedergeben. Wer's braucht...
Die Mobil-App ists da schon etwas einfacher gestrickt, viel mehr als ein Betrachtung-, und Uploadwerkzeug ist sie nicht. Allerdings können Bilder per WLAN von der Kamera abgefragt werden. Wenn man dazu das entsprechende Kameramodell antippt, bekommt man dafür die Anweisungen angezeigt.
So sieht das ganze dann aus.
Man hat Zugriff auf alle auf der Kamera befindlichen Bilder.
Außer einer Bildunterschrift gibt es aber nicht viel zu machen.
Wie macht sich die Kamera nun im alltäglichen Einsatz? Ungewohnt beschreibt es am besten. Zwar lässt sich die Kamera recht bequem halten, und zum zoomen und auslösen reichen zwei Finger, allerdings ertappe ich mich immer noch dabei, vergeblich darauf zu warten, das der Autofocus seinen Job macht. Tja, gibt's halt nicht bei dem Ding. Zumindest im Alltags-Modus muss man außerdem bei der Bildkomposition verdammt aufpassen, um sicherzustellen, das man einen vernünftigen Unschärfeeffekt erreicht. Der Kreativ-Modus ist da etwas einfacher, allerdings ist die manuelle Festlegung von Vorder-, und Hintergrund ziemlich knifflig auf so einem kleinen und schlecht aufgelösten Display. Von ca. 40 bis dato gemachten Aufnahmen ist bei 4-6 ein vernünftiger Effekt erkennbar. 
Es ist also dringend empfehlenswert, sich einige der Videos auf der Lytro-Website anzuschauen, um ein Auge für derartige Bilder zu entwickeln. Wenn man dies allerdings erst einmal hat, dann macht die Fotografie mit der Kamera richtig Spaß. Mir persönlich fehlt aber das Stativgewinde, was den Einsatz bei meinen heißgeliebten Langzeitbelichtungen deutlich erschwert. Eine Galerie mit selbigen habe ich übrigens unten eingebettet. Hat nix mit dem Artikel zu tun, aber irgendwie muss ich die Besucherzahlen auf meiner Flickr-Seite ja in die Höhe treiben. Aufgrund der recht geringen Auflösung der Bilder von 1080x1080 ist die Lytro keinesfalls die beste Wahl für Landschaftsaufnahmen, Panoramabilder, oder ähnliches. Bei Makro-Aufnahmen sowie künstlerisch angehauchten Bildern brilliert sie jedoch. Einen eingebauten Blitz, oder einen Hot Shoe für einen externen Blitz sucht man bei der Lytro allerdings vergebens, man sollte also darauf achten, dass man genug Beleuchtung für die gewünschten Bilder hat.


Die Lytro wird auf jeden Fall, neben meiner guten alten Fuji FInepix HS20 EXR, in meinem Kamera-Arsenal bleiben, die Möglichkeiten, die diese Kamera bietet sind dafür einfach zu vielfältig. Außerdem ist sie, da beißt die Maus keinen Faden ab, ein beeindruckendes Stück Technologie, und somit genau das richtige für einen Geek wie mich. Andererseits sollte man die Schwachstellen nicht verschweigen. Mehr Möglichkeiten, die BIlder zu teilen, ein Lytro-Plugin für Fotos für OS X, und eine umfangreichere Mobil-App wären auf jeden Fall wünschenswert. Das Display ist und bleibt einfach indiskutabel, selbst nach den Standards von 2012, als die Kamera auf den Markt kam. Die Auflösung der Bilder ist ebenso problematisch, und ein Speicherkarten-Slot würde der Lytro auch nicht schaden.


Die Kamera ist und bleibt auf jeden Fall ein Unikat, und wer etwas mit Fotokunst, oder Unschärfe experimentieren will, dem kann ich nur empfehlen, auf Ebay oder Amazon Marketplace zu schauen, ob er noch eine ergattern kann. Sowohl die Lytro meines Vaters als auch meine waren für zweistellige Euro-Beträge zu haben. Als Hauptkamera ist sie jedoch eindeutig zu eingeschränkt. Eventuell hat Lytros neues "Consumer"-Modell die Lytro ILLUM da mehr zu bieten, bei einem vierstelligen Verkaufspreis wird es jedoch noch einige Jährchen dauern, bis ich mir so was leisten kann. Sie steht aber auf meiner Liste, soviel steht fest!

Ach ja, und hier die angedrohte Flickr-Galerie. So leicht kommt ihr mir nicht davon!

Cork Lightscapes

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