Mehr Mobilität für Cork - Coca Cola Zero Bikes geht in Cork an den Start

Wenn es um Mobilität angeht, dann ist Irland in aller Regel nicht wirklich in aller Munde. Die Straßen, gerade auch im Westen des Landes, sind oftmals zu klein, um ihrer Bedeutung, und dem Verkehr, der über Sie abläuft, gerecht zu werden. Irish Rail verfügt nur noch über ein Rumpfnetz, das fast ausschließlich auf Verbindungen nach Dublin ausgelegt, ist. Der öffentliche Nahverkehr ist, mit Ausnahme der beiden LUAS-Straßenbahnlinien in Dublin, ausschließlich auf Busse ausgelegt, und außerhalb der Hauptstadt auf Gedeih und Verderb dem Staatsmonopolisten Bus Éireann ausgeliefert, einem Unternehmen, das es schafft, die Deutsche Bahn gut aussehen zu lassen.
Noch während der letzten Jahre des Celtic Tiger jedoch, hatte man in der Hauptstadt bereits damit begonnen, ein System von Mietfahrrädern aufzubauen, um den immer stärker werdenden Autoverkehr in Dublin in den Griff bekommen. Wer schon einmal in Dublin unterwegs war, der weiß, wie dringend das nötig ist. Dublin Bikes hat sich mittlerweile zu einem umwerfenden Erfolg entwickelt, auch wenn die Straßen in Dublin nach wie vor von Autos verstopft sind. Das System umfasst mittlerweile 550 Fahrräder und 44 Terminals, und soll weiter ausgebaut werden. Endziel in Dublin sind 102 Stationen und 1000 Fahrräder, wofür ich denen jetzt schon alle verfügbaren Daumen drücke.
Was zum Geier hat der Erfolg von Dublin Bikes jetzt mit Cork zu tun? Nun, noch während der ersten Betriebsphase des Systems in Dublin war es klar geworden, das ein derartiges System gerade bei Kurzstrecken deutliche Vorteile gegenüber dem motorisierten Individualverkehr, und auch dem Öffentlichen Nahverkehr hat. Nicht umsonst sind derartige Systeme ja z.B. auch in Hamburg (StadtRAD), Paris (Vélib) oder dem Landesweiten System OV-fiets in den Niederlanden bereits in ganz Europa und auch darüber hinaus im Einsatz.
Mitten in der Krise nach dem Zusammenbruch der Irischen Wirtschaft gab die National Transport Authority bei den Unternehmensberatern KPMG eine Studie über die Praktikabilität eines Dublin Bikes ähnlichen Mietradsystems in den sogenannten Regionalstädten, also County-Hauptstädten, sowie sekundären Wirtschaftszentren wie Waterford, Killarney, Limerick oder Cork in Auftrag. 
Diese Studie, deren Ergebnisse der NTA im November 2011 übergeben wurden, identifizierte 4 Städte, für die ein derartiges System in Betracht gezogen werden sollte: Cork, Galway, Limerick, und Waterford. KPMG empfiehl, für die Finanzierung auf ein Mischmodell aus öffentlichen Finanzmitteln der NTA und Sponsoring durch einen Werbepartner. Im Endeffekt entschied man sich da für JDecaux, die schließlich den Amerikanischen Zuckerwasserlieferanten Coca-Cola an Land ziehen konnten, was zum jetzigen Namen Coca Cola Zero Bikes geführt hat. Im Vorgriff auf dieses System begann man in den betroffenen Städten bereits Jahre vor der tatsächlichen Einführung mit dem Bau ausgedehnter Radwege, auch in den Innenstädten. Dies führte erfahrungsgemäß zu einer heftigen Situation von Seiten von Autofahrern, die eine sowie so schon enge Innenstadt weiter eingeschränkt sahen.
Letzten Endes hat man sich bei der NTA dann dazu entschieden, das System in drei Städten einzuführen, Cork, Galway, und Limerick. Warum Waterford aus der Auflistung rausgeflogen ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, schließlich handelt es sich, neben Cork, um DAS wirtschaftliche Zentrum des südlichen Irlands. Vermutlich sind die Stadtältesten irgend jemand im Verkehrsministerium auf den Schlips getreten, wäre nicht das erste mal in Irland. 
Die Einführung des Systems war ursprünglich für den Sommer 2014 geplant, Coke Zero Bikes erwies sich aber schon bald als typisch Irisches System: Es verspätete sich. Aus dem Sommer wurde der Herbst, bevor es schließlich im November soweit war, das die Starttermine bekannt gegeben wurden. Galway würde am 24. November mit 18 Stationen und 195 Rädern den Anfang machen. Am 8. Dezember sollte Limerick mit 23 Stationen und 215 Fahrrädern folgen, während das größte System, das in Cork, mit 31 Stationen und 330 Fahrrädern den Abschluss bilden sollte.  Für irische Verhältnisse völlig überraschend konnte dieser Zeitplan praktisch ohne Abstriche eingehalten werden.
Gerade die Größe des Systems in Cork führte jedoch dazu, das nur ein Teil der Stationen fertiggestellt werden konnte, bevor es am 18. Dezember online ging. Von 31 Stationen sollten 15 verfügbar sein, einige Stationen, z.B. Camden Quay, direkt bei mir um die Ecke, sollten zwar darunter sein, und waren auch äußerlich fertig, jedoch noch nicht korrekt verkabelt. Trotzdem ging das System online, und auch das momentan zur Verfügung stehende Rumpfnetz an Stationen ist schon recht gut zu nutzen.
Was heißt das nun in der Praxis? Nun, nachdem die Station direkt vor der Haustür noch nicht einsatzbereit ist, habe ich mir am heutigen letzten Sonntag vor Weihnachten eine andere Station ausgewählt, nämlich die an der South Main Street, direkt gegenüber der alten Beamish & Crawford-Brauerei. 
Docking-Station an der South Main Street. So leer ist sonst nur mein  Bankkonto am Monatsende.
Über die App, die gleichzeitig mit dem System selbst verfügbar wurde, hatte ich schon gesehen, das an der Station South Main Street nur noch wenige Räder verfügbar waren. Ich war dieses Risiko bewusst eingegangen, da ich bei meiner ersten Fahrt mit den neuen Rädern, und meiner ersten Fahrt überhaupt mit einem Fahrrad, seitdem ich Deutschland verlassen hatte, irgendwelche größeren Kreuzungsmanöver vermeiden. Man will ja nicht mehr Unfälle als unbedingt nötig verursachen. Ich hatte Glück. Als ich an der Station ankam, waren noch zwei Räder verfügbar.
Das Ausleihen eines Fahrrads ist, zumindest als Jahreskartenbesitzer, saueinfach: Man geht zum Terminal, wählt auf dem Touch-Screen die passende Option aus, hält kurz seine Kundenkarte vor den Kartenleser, und gibt danach die PIN ein, die man bei der Registrierung angegeben hat. Danach kann man das Fahrrad auswählen, das man nehmen will. Sobald man sich für eines entschieden, und dies bestätigt hat, hat man 60 Sekunden, um zum Rad zu gehen. Dort drückt man die Taste auf dem eigentlichen Dock, um die Verriegelung aufzuheben, und zieht das Fahrrad aus seiner Verankerung. Ab diesem Moment ist das Fahrrad vermietet, und ab diesem Moment wird im Falle einer schweren Beschädigung oder eines Verschwindens auch ein Sicherheitsbetrag von 150€ fällig.

"Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun..." Die Terminals von Coca Cola Zero Bikes erinnern zwar  etwas an HAL-9000, sind aber Gottseidank etwas kooperativer.
Nachdem man am Terminal ein Fahrrad ausgewählt hat, hat man 60 Sekunden Zeit, um zum Fahrrad zu gehen, auf der jeweiligen Säule den Freigabeknopf zu drücken, und das Fahrrad aus der Halterung zu nehmen.
Das Fahrrad selbst ist zwar von der Bauart her nicht wirklich etwas besonderes, die schwarz-rote Lackierung sieht in meinen Augen aber einfach nur genial aus. Das Rad verfügt nicht über einen Gepäckträger, der Korb am Lenker bietet jedoch genug Stauplatz für Handtaschen, Einkaufstaschen, oder die Kameratasche eines gewissen Bloggers.
Was auf den Bildern nicht sofort ersichtlich ist, ist das Gewicht und die solide Bauweise dieser Fahrräder. Ich habe fast das Gefühl, die haben da ein paar Panzerplatten aus einem alten Schlachtkreuzer rausgeschnitten, um an das Rohmaterial für diese Dinger zu kommen. Andererseits macht dies auch wieder Sinn, befinden sich doch eine ganze Reihe der einsatzbereiten oder noch geplanten Stationen in der Partymeile Corks zwischen dem Cornmarket Square und der South Main Street.
Gesamtanblick des Rades. Der Sponsor bestimmt die Farbgebung, und ist auch namentlich präsent. Der Silberne Klotz am Rahmen ist das Verbindungsstück zur Docking-Station
Der Boden des Korbs enthält einige wichtige Tipps zum Umgang mit dem Rad. Wenn man hier etwas transportieren will, sollte man schauen, das man eine etwas stabilere Tasche benutzt.
Trotz des Gewichts ist so ein Rad jedoch einfach zu beherrschen, und man kann ein ganz ordentliches Tempo erreichen. Für die Tour de France reicht es noch nicht ganz, allein schon weil man bei diesem System keine Spritzen mitgeliefert bekommt, man kann aber ohne größere Anstrengungen im Innenstadtverkehr mitschwimmen, auch wenn es mal etwas zügiger voran geht. Scheinwerfer und Rücklicht sind dauerhaft an, was in meinen Augen ein Riesenvorteil ist. So vermindert man doch das Risiko, versehentlich als Kühlerfigur zu enden.
Ein Kapitel für sich ist die Gangschaltung. Die Fahrräder von Coke Zero Bikes sind allesamt mit einer NuVinci-CVT-Nabenschaltung ausgestattet, die ein stufenloses Umschalten zwischen einer praktisch unendlichen Anzahl Gänge ermöglicht. Das System ermöglicht hierbei auch ein Schalten, während man gerade in die Pedale tritt. Wenn man sich einmal den Wikipedia-Eintrag anschaut, dann merkt man, das dieses Getriebe so ziemlich jeden Preis in der Fahrradwelt abgeräumt hat, den es gibt, und das zu Recht. Auch wenn ich zuerst etwas gebraucht habe, um die Schaltung in den Griff zu bekommen, da diese über einen Drehregler kontrolliert wird, und es nicht das klassische Feedback einer konventionellen Schaltung gibt, also keinerlei Geräusche, und keinen sofortigen drastischen Unterschied im Widerstand der Pedale. Wenn man sich aber erst einmal daran gewöhnt hat, ist das System einfach nur super angenehm. 
Blick auf den Schaltregler des NuVinci-DVT-Getriebe am rechten Lenker.  Das System ist wirklich genial, ich kann mich da nur wiederholen.
Für meine Testfahrt hatte ich mir eine Strecke von der Innenstadt entlang der Washington Street und Western Road ausgesucht, bis zum Gaol Walk, wo sich die momentan am weitesten entfernte Station von Coke Zero Bikes befindet. Bis auf die letzten paar Meter würde ich so immer eine dezidierte Bus-, oder Fahrradspur zur Verfügung haben, was vom Sicherheitsstandpunkt einen deutlichen Vorteil bietet. 
Die Fahrt an sich war sehr angenehm auf dem Rad, die Gangschaltung und der bequeme Sattel haben deutlich dazu beigetragen. Leider musste ich auf die harte Tour herausfinden, das es von der Einmündung des Wandesford Quay bis zum Gaol Walk eine langgezogene, kaum auffallende aber ätzende Steigung gibt. Der Vorteil ist, das Radfahrer auf dieser Strecke die Busspuren nutzen dürfen, was bedeutet, das ich teilweise gegen die reguläre Fahrrichtung der Western Road fahren durfte.
Die Docking-Station am Gaol Walk war recht gut gefüllt. Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, das die direkt am ehemaligen Bezirksgefängnis steht. Die Tatsache, das dieses jetzt zum Gelände der Universität Cork gehört, mag jeder interpretieren, wie er will.
Das zurückgeben der Fahrräder ist so einfach, das sogar PEGIDA-Anhänger damit keine Schwierigkeiten haben sollten. Man schiebt das Fahrrad einfach mit etwas Kraft in einen freien Ständer, und wartet, bis die LEDs und Signaltöne ihren Epileptischen Anfall beendet haben. Sobald die LED dauerhaft grün leuchtet, ist das Fahrrad zurückgegeben worden, der Sicherheitsbetrag wird freigegeben, und, sollte man die 30 Minuten Freie Fahrzeit überschritten haben, erhält man sofort eine SMS mit den Kosten, die durch die Fahrt angefallen sind. 
Die Rückfahrt führte mich von der Station Fitzgerald's Park zum Cornmarket Square. Die dort befindliche Station Cornmarket Street ist die für mich momentan am besten gelegene. Das Fahrrad, das ich ursprünglich nehmen wollte, wurde von seinem Dock nicht freigegeben, was ich nach mehrmaligem Anlauf auch über das Terminal gemeldet habe. Ein weiteres Fahrrad aus dieser Docking Station funktionierte einwandfrei, und es ging, wiederum entlang der Western Road/Washington Street auf die Heimfahrt. Hier wurde es schon etwas problematischer, da der Radweg in dieser Richtung von einigen Einmündungen gekreuzt wird, und die Ampeln nicht immer auf den Anforderungsknopf reagieren. Je näher ich der Innenstadt kam, desto dichter wurde auch der Verkehr. Ich hatte ursprünglich geplant, das Verkehrschaos an der Grand Parade zu umgehen, in dem ich über die North Main Street abkürze... Denkste, das ist eine Einbahnstraße!
Mir blieb also nichts anderes übrig, als mitten rein ins Getümmel zu fahren. Nun, was soll ich sagen? Bis zur Kreuzung Washington Street/Grand Parade hat alles wunderbar geklappt, aber für die knapp 200 Meter von da bis zur Docking Station Cornmarket Street habe ich fast so lang gebraucht, als für die 1,5 Kilometer vom Fitzgerald Park bis zur Kreuzung. Stop-and-Go macht auch auf dem Fahrrad keinen Spaß, vor allem, wenn man an einer Stelle hängt, an der man nicht auf den Gehweg, oder in dem Fall auf den offenen Platz am Cornmarket Square ausweichen kann. Das es am heutigen Tag in der Innenstadt zuging wie an den Landezonen der Alliierten in der Normandie 1944 hat nicht wirklich geholfen. Schlussendlich hat es aber doch geklappt. Die Rückgabe des Rads war wiederum absolut problemlos. 
Bei diesem Bild war ich ganz offen am Ende... der Tour, und komplett radlos war ich auch...
Das System stellt einen absoluten Pluspunkt für die Mobilität in Cork dar, selbst im momentanen eingeschränkten Zustand. Wenn dann alle Stationen online sind, was Anfang 2015 der Fall sein soll, wie ich mit einer Email an die Betreiber herausgefunden habe, wird dies eine echte Alternative zu Bus oder Individualverkehr sein, zumindest auf kurzen Strecken. 
Wichtig ist jedoch, das die 31 Stationen nicht das Ende der Fahnenstange sind. Mir ist vollauf bewusst, das dieses System hauptsächlich für Kurzstrecken gedacht ist, es gibt jedoch noch eine ganze Reihe von weißen Flecken, die abgedeckt werden sollten. So ist es aus meiner Sicht durchaus wichtig, im Westen der Stadt die Gegend um Victoria Cross und den Sitz des Cork County Council an der Carrigrohane Road mit ein paar Stationen abzudecken. Im Osten sollte, im Zuge des Umbaus von Páirc Uí Chaoimh und der Regenerierung des Marina Park das Stationsnetz bis zur Namensgebenden Marina und Blackrock mitsamt Blackrock Castle ausgedehnt werden. Die Nord-Süd-Ausdehnung des Netzes ist aufgrund der Geographie der Stadt Cork Naturgemäß eingeschränkt, eine Ausdehnung des Netzes nach Blackpool im Norden, gerade auch unter Erschließung des Blackpool Retail Park würde jedoch nicht nur für eine noch stärkere Nutzbarkeit des Systems sorgen, sondern auch eine echte Auswirkung auf den Berufsverkehr in Cork haben.

Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    sehr gut geschrieben wie immer!
    Du hast es nicht speziell erwähnt, aber Frankfurt am Main hat auch zwei Mietfahrrad-Anbieter!
    1. Deutsche Bahn und 2. einen Berliner Fahrradverleiher (Name fällt mir gerade nicht ein, einige Bikes stehen immer am Baseler Platz bereit).

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