In Memoriam Susanne Milde - 1956 - 2017

Es fällt mir verdammt schwer, diese Zeilen zu schreiben. Ich weiß noch nicht einmal wirklich, wie ich anfangen soll, da es immer noch schwer zu erfassen ist, was da vor knapp einem Monat in Mannheim passiert ist. Jedoch ist es leider eine bittere Realität. Susanne Milde, meine Mutter, ist in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 2017 in der Uniklinik Mannheim gestorben. Trotz ihrer kämpferischen Einstellung hat sie den Kampf gegen den Krebs und seine Nebenwirkungen schlussendlich doch verloren.
Ich gestehe offen ein, dass ich noch immer unter Schock stehe. So lange ich mich zurückerinnern kann, war sie immer da. Sie war oftmals der ruhende Pol in unserem doch dezent chaotischen Leben. Sei es im Norden Deutschlands, wo mein Abenteuer vor fast 36 Jahren seinen Anfang nahm, und wo meine Mutter damit konfrontiert war, neben ihrer Karriere auf einmal auch so ein schwer zu bändigendes kleines Bündel irgendwie unter Kontrolle zu halten, sei es in Prag, wo eben jenes Bündel seine Teenagerjahre begann, oder eben auch in den letzten Jahren, nachdem meine Eltern nach Speyer gezogen waren, jene magische Stadt wo sie ihren Lebensabend verbringen wollten. Immer war sie da, entweder in Person, oder am anderen Ende einer Telefonleitung. Egal wie chaotisch es war, sie hat es immer irgendwie geschafft, cool zu bleiben. Und langweilig wurde es sowieso nie.
Nah am Wasser... 
...war meine Mutter vor allem in Hamburg, wie hier zum Hafengeburtstag 1988.
Das erste Anzeichen dass unser Leben etwas “anders” verlaufen würde gab es im Jahr 2013, als meine Mutter nach Prag versetzt wurde, in die Hauptstadt der erst seit kurzem unabhängigen Tschechischen Republik. Für uns alle, meine Eltern und mich, war diese Zeit ein einziges riesiges Abenteuer, und mit die interessantesten Jahre unseres Lebens. Ich war, dank meiner Eltern, so oder so schon recht kosmopolitisch erzogen worden, und in Prag wurde dies noch verstärkt, auch wenn ich zuerst nicht verstanden habe, warum sie mich in die Internationale Schule in Prag gestopft haben, und nicht in die Deutsche Schule. Zu dieser Zeit hat meine Mutter auch noch versucht, ihrem Sohn im Teenageralter Werte wie Disziplin und Verlässlichkeit einzutrichtern. Das ich damals alles andere als erfreut darüber war, muss ich glaube ich nicht extra erwähnen, mittlerweile hat sich dies jedoch grundlegend geändert. Auch hier hat sie mich, und auch den Rest der Familie aber immer wo es nur geht unterstützt. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass sie heilfroh gewesen sein muss, als ich nach Österreich ins Internat gewechselt bin.
Doch auch getrennt ging das Abenteuer weiter. Nach einigen jobtechnischen Turbulenzen, und einem Gastspiel in Heidelberg begann um die Jahrtausendwende das nächste aufregende Kapitel, für alle Beteiligten, ein Kapitel das in vielen Punkten noch viel irrer war als die Zeit in Prag. Meine Mutter übernahm die Leitung und den Aufbau des Frankfurter Büros einer finnischen Softwarefirma, Trema. Und Aufbau ist hier wörtlich zu sehen, denn es war nichts da. Ob es jetzt das verlegen von Netzwerkkabeln war, das zusammenschrauben von Büromöbeln oder Regalen, oder das durch die Gegend kutschieren diverser damals hochmoderner Flatscreens im altersschwachen Opel der Familie, alles war dabei. Und das gehörte noch zu den eher “normalen” Dingen der Trema-Ära. Für eine gewisse Zeit war meine Mutter nämlich kaum im Büro anzutreffen, da sie als Troubleshooter extraordinaire von einem Trema-Büro zum anderen flog, und teilweise wirklich nur zum Wechseln der Koffer nach Hause kam. Helsinki, Stockholm, Zürich, Nizza, dies waren nur einige der Städte, die für uns bald so vertraut waren wie das Frankfurter Westend, Bad Vilbel, Nidderau, oder Karben. 
Und dann war da noch Boston. Ursprünglich war sie in die USA geschickt worden, um dort 1-2 Wochen dabei mitzuhelfen, die Situation im dortigen Trema-Büro aufzuklären. Aus den 2 Wochen wurden 3 Monate, und meine Mutter fühlte sich zum Schluss wie einer der in Neuengland weit verbreiteten Hummer, der in einer Falle festsitzt. “Trapped in Boston” wurde zu einem geflügelten Wort. Es war in dieser Zeit, als ich meine Mutter von der “professionellen Seite" kennenlernte. Einige meiner ersten Gehversuche in der Arbeitswelt fanden bei Trema Germany statt, und vieles von dem, was mir auch heute noch zugute kommt, habe ich bei ihr gelernt. Sei es dieses verdammte Pflichtbewusstsein, dass einen sogar dazu bringt, mit einer Bronchitis ins Büro zu gehen, oder einfach die Art, wie man mit Kollegen umgeht, all dies ist im Endeffekt ihre Schuld :) 
Und auch als ich dann meine eigenen beruflichen Wege ging, war immer Verlass darauf, dass sie, genau so wie mein Vater, mich unterstützen würde. Es war vor allem sie, die mich zu teilweise unmenschlichen Zeiten zu den diversen US-Kasernen in Hanau brachte, wo ich als bewaffneter Wachmann im Einsatz war. Später, als mein Job bei DHL sich in Richtung der ersten zaghaften Schritte im Managementbereich entwickelte, konnte ich auf ihren Rat immer zählen. Und natürlich war sie im Publikum, als ich bei Produktionen wie Jesus Christ Superstar oder Anatevka auf er Bühne stand. Und auch auf diesem Blog gehörte sie zu meinen ersten, und treuesten Lesern, und scheute sich auch nicht, mir mit Kritik und Feedback unter die Arme zu greifen.
Ich weiß nicht wirklich ,wie ich diesen Abschiedsgruß interpretieren soll. Allzu ernst haben sich meine Eltern nie genommen...
...auch nicht, als ich 2012 am Frankfurter Flughafen nach Irland abgehauen bin.
Unsere Wege begannen, sich zu trennen, als ich in meine eigenen vier Wände zog, und meine Mutter kurz darauf bei einer Firma namens iSoft in Mannheim anfing, die nach einigen Irrungen und Wirkungen zu iSolutions mutieren würde. Meine Eltern zog es aufgrund dieses Jobwechsels nach Speyer, eine Stadt die eine ähnlich magische Ausstrahlung hatte wie Prag es damals gehabt hatte. Doch auch wenn die räumliche Entfernung immer mehr zunahm, so blieb der Kontakt eng. Wir telefonierten täglich, kotzten uns nicht selten über unseren Job aus, und lachten über die Absurditäten des Berufslebens, sie von ihrer Backoffice-Perspektive, und ich mit meiner Erfahrung an der Front.
Irland war immer wieder ein Lieblingsziel meiner Eltern. Ob 2013 in der Nähe von Cork...
...oder wie hier 2015 am Strand von Enniscrone, Co. Mayo. Auch der fortschreitende Krebs konnte meine Mutter bis zuletzt nur eingeschränkt bremsen.
Es war ihr Tipp an einen Headhunter, der dafür sorgte, dass ich 2012 nach Irland zog, um meinen Job bei Apple anzutreten. Eigentlich nur konsequent, immerhin waren es meine Eltern, die mich 2008 bei einem Besuch in Kerry “angefixt” hatten, was Irland anging. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ihr Krebs gezeigt, und ihr neuer Job brachte auch deutlich weniger Reisetätigkeit mit. Dafür zog die private Reisetätigkeit deutlich an. Dänemark, Dubai und Fujairah, Kanada, und immer wieder auch Irland zählten zu den Flugzielen, und es gab Momente, an denen sich die komplette Familie Milde an verschiedenen Orten der Welt in der Luft befand. Auch unsere letzte gemeinsame Reise war wieder ein typischer Milde. Man traf sich schlicht und einfach auf halbem Wege zwischen Cork und Speyer, auf dem Ozeanliner Rotterdam, der als Hotelschiff im Hafen von Rotterdam liegt. 
Es ist irgendwie passend, dass der letzte gemeinsame Trip auf einen alten Ozeanliner führte. Eine Faszination für alles Maritime war seit eh und je Teil meiner Familie.
All dies hat sie wohlgemerkt nicht alleine auf die Beine gestellt. Es wäre vermessen, einen Nachruf auf meine Mutter zu schreiben, ohne ihren ebenso bemerkenswerten “Partner in crime” zu erwähnen, meinen Vater, ihren Ehemann. Die beiden haben sich in Hamburg in der ersten Hälfte der wilden 70er kennengelernt, und auch wenn es nicht die erste Liebe war, so war es definitiv die große Liebe, eine Liebe die die Jahrzehnte überdauerte, und auch ganz zum Schluss noch stark war. Bei meinem letzten Besuch, Ende Mai 2017, konnte man immer noch sehen, wie zwischen den beiden die Funken flogen. Okay, ab und an flogen auch die Fetzen, aber das ist eine GANZ andere Geschichte.
Nun ist sie also nicht mehr da. Es fühlt sich immer noch surreal an, von meiner Mutter in der Vergangenheitsform zu sprechen. Ihre Nachrichten sind immer noch weit oben in diversen Messaging-Apps, und es gibt immer wieder Situationen, wo ich mich dabei ertappe, eine neue Email zu starten, oder zu erwarten, ihre Stimme zu hören, wenn ich zuhause anrufe. Ich habe ihr im wahrsten Sinne des Wortes alles zu verdanken. Sie hat mir, zusammen mit meinem Vater, die Welt geöffnet, und die Disziplin, und das Selbstvertrauen gegeben, meine eigenen Schritte auf dieser langen Straße die sich Leben nennt zu gehen. Ich weiß, dass ich dank ihr die nötigen Kenntnisse und Werkzeuge habe, um meinen eigenen Weg zu gehen, meine eigene Reise zu vollenden. Aber ganz ehrlich, die Straße ist verdammt leer ohne sie.

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