EUnbrauchbar - Gedanken zur "Digitalpolitik" der Europäischen Union, Teil 4

Willkommen zum vierten und letzten Teil meiner Artikelreihe zum Versagen der Digitalpolitik der EU. Im vorherigen Teil habe ich etwas genauer beleuchtet, wie die Bedingungen für Startups in Europa deutlich verbessert werden können. Das schwierigste habe ich mir  für den Schluss aufgehoben, nämlich die Mentalität, die nötig ist, um eine echte Startup-Kultur auf die Beine zu stellen, und so ein dringend nötiges Gegengewicht zu den USA zu bilden.

Der letzte Punkt ist der wichtigste, aber gleichzeitig auch der schwierigste. Es muss nämlich endlich ein Umdenken stattfinden. Das Internet, die "digitale Revolution" um es mal etwas hochtrabend zu bezeichnen, sind Fakten, und lassen sich nicht mehr wegargumentieren, oder ignorieren. Man sollte daher aufhören, sich mit fadenscheinigen Argumenten dieser Entwicklung zu verschließen, oder herablassend über diejenigen zu lästern, die sich aktiv auf selbige einstellen. Hierbei sind sowohl die Politik, als auch die Bürger Europas gefragt. Es muss endlich Schluss damit sein, das "irgendwas mit Computer" eine akzeptable Stellenbeschreibung im privaten Umfeld ist. Das Grundprinzip von dezentralen, vernetzten Servern, das dem Internet zugrunde liegt, muss genau so selbstverständlich sein, wie der Aufbau des Sonnensystems, und die Tatsache, dass die Erde um die Sonne kreist. Und ja, man kann von JEDEM Menschen in einem Industrieland im 21. Jahrhundert verlangen, dass er den Unterschied zwischen Hardware und Software versteht, und das grobe Prinzip des Zusammenspiels zwischen Prozessoren, RAM, Speicher, Grafikchips, und Monitoren sowie Eingabegeräten versteht. Das ist in der heutigen Zeit keine Magie mehr, das ist grundlegendes Wissen, und unerlässlich, um die Vorgänge in inneren eines Computers, uhd dazu gehören auch Smartphones und Tablets, wie das iPad auf dem dieser Artikel   teilweise geschrieben wurde, zu verstehen, und Fehler zumindest grob eingrenzen zu können.
Egal ob es ein Netbook ist,...
...ein Smartphone,...
Oder ein Tablet, die Funktionsweise dieser Geräte ist kein Hexenwerk. Man kann von jedem User erwarten, dass er sich zumindest grob damit vertraut macht.

Gleichzeitig müssen Menschen wie Politiker endlich einsehen, dass es sich bei IT-Unternehmen nicht um kaum organisierte Anhäufungen von mit Körperhygiene überforderten, sozial unfähigen Nerds handelt, die ihr Unternehmen nur mit Glück und illegalen Aktivitäten über Wasser halten können. Auch wenn Bällebäder, Rutschen, oder Billard-Tische in einigen Büros vielleicht den Eindruck erscheinen lassen, dass die Entwicklung von normalen, oder Webanwendungen ein Kinderspiel ist, so ist der Organisationsaufwand bei diesen Unternehmen jedem mittelständischen Industriebetrieb mindestens ebenbürtig. Und wo ich gerade die illegalen Aktivitäten erwähnt habe, immer noch wird das Internet in der breiten Öffentlichkeit vor allem mit Drogengeschäften, Terrorismus, Spionage, Hackerangriffen, und Sexualstraftätern in Verbindung gebracht. Cybermobbing ist jetzt die neueste Sau, die von den Medien durch's Dorf getrieben wird. 
Dass das Netz die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit darstellt, und Kommunikation, Handel, das Finanzwesen, und die Industrie gehörig auf den Kopf stellt, wird gerne ignoriert. Die Nutzer sind daran nicht ganz unschuldig. Anstatt derartige Berichte in den Medien kritisch zu hinterfragen, schluckt Otto Normaluser derartige Räuberpistolen ohne nachzudenken, und konsumiert lieber niedliche Katzenvideos, den neuesten Klatsch und Tratsch von irgendwelchen Z-Promis, deren Auftreten das beste Argument für eine völlige Legalisierung der Abtreibung ist, oder macht den x-ten hirnamputierten Facebook-Test, um Sachen über sich herauszufinden, die von Anfang bis Ende erstunken und erlogen sind. Die ganz risikobereiten posaunen laut ihre politische Überzeugung hinaus, was meistens auf das widerspruchslose Nachplappern irgendwelcher Verschwörungstheorien hinausläuft, oder auf die ununterbrochene Beleidigung politsch Andersdenkender, inklusive der Verhöhnung der Opfer von Angriffen aus dem jeweil eigenen ideologischen Lager. 
Am schwerwiegendsten wiegt jedoch die Verachtung für all jene, die in ihrem Leben irgendwann schon einmal Mist gebaut haben. Wenn ein Startup nicht erfolgreich ist, was durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dann ist der Gründer schon fast ein Aussätziger. Solche Leute können noch so ein gutes Geschäftsmodell für den 2. Anlauf haben, niemand in der Geschäftswelt will mit so jemandem jemals wieder etwas zu tun haben. In der breiten Öffentlichkeit wird man hingegen als Betrüger, Halsabschneider und Schwerverbrecher angesehen. Diese Verachtung wird auch im Umgang mit Sozialhilfeempfänger immer wieder klar. Jeder Mensch kann in die Arbeitslosigkeit absinken, ich bin da keine Ausnahme. Aber anstatt die Arbeitslosigkeit als Möglichkeit zur Neuausrichtung zu betrachten, als Möglichkeit, aus etwaigen Fehlern zu lernen, wird man als Aussätziger behandelt, der selbst für grundlegende Handlungen nicht geeignet ist.
Diese idiotische Haltung hat keinen Platz mehr in einer modernen Gesellschaft, hatte sie eigentlich noch nie. Fehler passieren, scheitern kann jeder. Aber jedem Fehler, jedem scheitern, geht eine Handlung voraus, was wiederum bedeutet, dass eine Person, oder eine Firma, etwas riskiert hat, und auch dazu bereit war. Und diese Risikobereitschaft ist vielen Menschen in Europa leider abhanden gekommen. Ich gebe es zu, dass es alles andere als leicht ist, sich aus seiner vertrauten Umgebung, seiner Comfort Zone, hervorzuwagen, erst recht wenn man, wie ich, eher introvertiert ist. Und es ist in meinen Augen keine Schande, sein Leben innerhalb seiner eigenen Comfort Zone zu verbringen. Entgegen den Aussagen diverser Motivationsgurus kann man auch innerhalb dieser Blase ein erfülltes Leben leben. Wenn man sich allerdings dafür entscheidet, sein leben so zu verbringen, dann sollte man denjenigen, die einen etwas risikobereiteren Weg einschlagen, keine Steine in den Weg legen, sondern diese Personen unterstützen, und ihnen zur Seite stehen. So lange dies nicht der Fall ist, so lange man sich auf seinen Lorbeeren ausruht, in seiner Comfort Zone lebt, und jedem, der sein Leben anders lebt, nur Geringschätzung und Häme entgegenbringt, so lange wird Europa nie etwas auf die Beine stellen können.

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