Anatevka - Premiere: The Eagle has landed

Samstag Abend, 1900h. K.u.S.-Halle Nidderau-Heldenbergen. Jetzt ist es also soweit, der Saal ist voll. Presse, Politiker, sowie knapp fünfhundert Gäste sorgen für knisternde Stimmung. Über Neun Monate Vorbereitung, Unzählige Proben, Kiloweise Graue Haare und Hektoliterweise Kaffee, alles hat zu diesem Punkt geführt. Und nun stehen alle in den Startlöchern. 
Das Violinsolo fängt an, ebenso Marcel mit seinem Monolog. Der Chor strömt auf die Bühne. Das erste Lied, Tradition läuft durch, die Einsätze sind auf den Punkt, die Gags in den Zwischendialogen sitzen. Man merkt das der Funke auf's Publikum überspringt. Der Vorhang fällt wieder, der Chor verschwindet zurück in die Garderobe. Über eine Uralte Monitorbox kann man auch Backstage die Geschehnisse auf der Bühne verfolgen.
Die Dialoge laufen, alles hängt an der Technik. Bei jedem Mikrofon-Aussetzer steigt der Adrenalingehalt im Blut. Bei der Wirtshausszene und L'Chaim geht das Publikum das erste mal richtig mit. Und dann muss ich auch schon rauf auf die Bühne. Durch den Saalausgang, dann Bühnenaufgang rechts. Mikro ist an, aber die Stimme kommt nicht über den Monitor. Der Tontechniker hat vergessen, das Mikro aufzudrehen.
Egal, The Show must go on! Ich mach meine Erste Szene fertig während Fantasien von einem Axtmord durch mein Gehirn spuken. Anscheinend funktioniert Gedankenübertragung, denn der Tontechniker hat es schließlich doch noch geschafft, mein Mikro aufzudrehen. Szenenende, der Vorhang geht auf, Bühnenaufgang rechts wieder runter, und durch den Saalausgang zurück in die Garderobe/Stuhllager.
Und wieder heißt es warten. Auf der Bühne versucht Tevje verzweifelt, seine Familie unter Kontrolle zu halten. Warum sollte es ihm besser gehen als heutigen Familienvätern? Auf einmal wird es leer in der Garderobe, die Schlafzimmersequenz / Der Traum ist dran. Unsere beiden Geister kommen jetzt auch zum Einsatz. Kaum hat es auf der Bühne aufgehört zu spuken steht auch schon die Hochzeitssequenz an. Also Mikro an, und mit den Soldaten zum Aufmarschpunkt hinter der Bühne.
Die Hochzeit verwandelt sich immer mehr in einen Tumult, wie es auch sein sollte. Die zweite Tanzchoreographie ist mitten im vollen Gange, die Musik wird schief, das ist das Zeichen. Raus auf die Bühne, die Soldaten im Schlepptau. Schockierte Gesichter. Bin ich zu früh? Scheiß drauf, es gibt ein Bühnenbild zu zerlegen. Mit einem lauten Scheppern landet ein Tisch samt Geschirr auf der Bühne, Tischplatte zuerst. Ein Gedränge, Chaos. Wo bleibt Perchik, unser Revoluzzer? Ah, er hängt schon auf Alexander's Rücken. Abwurf, rechter Haken, und schon liegt ein Linker!
Abschluß-Dialog und dann nichts wie runter von der Bühne. 1.Akt ist geschafft! Allgemeine Erleichterung hinter der Bühne. Kirsten kommt nach hinten, über das ganze Gesicht strahlend. Die Leute gehen mit und genießen es, die Einsätze sind auf den Punkt, auch mein Aufmarsch. Ein Run zum Aufenthaltsraum für Künstler setzt ein, wo Gebäück und Getränke bereit stehen. Und auch die Toiletten sind Belagert wie ein Strand auf Mallorca zur Ferienzeit. Von allen Seiten gibt es Glückwünsche und Gratulationen. Irgend etwas scheinen wir also richtig zu machen ;-)
Die Pause ist viel zu schnell wieder vorbei. Der Gong ruft alle zurück auf ihre Positionen.
Tevje/Marcel eröffnet mit einem Monolog den 2. Akt. Er klingt seltsam leise. Ach du Schande, das Mikro ist aus. Während vor meinem Inneren Auge die Tontechniker in einer Arena mit Löwen und Tigern landen, versucht Bernd die Situation irgendwie noch zu retten. Pünktlich zum letzten Satz läuft das Mikro wieder! Tosender Applaus und Gelächter aus dem Publikum.
Ansonsten läuft es wieder wie geschmiert. Die Straßenszene läuft einwandfrei, nur leider macht der Abschluss-Solist seinen Part zu schnell. Vier Takte reines Instrumentalspiel, wo eigentlich noch Gesang sein sollte. Wurscht, das Publikum hat's eh nicht gemerkt.
Die Verstoßung ist zum heulen schön, und dann muss ich schon wieder mit zwei Wachen raus. Die Vertreibung steht an, obwohl die Frage ist wer da wen vertreibt. Der Dialog läuft gut, obwohl man von den Scheinwerferbatterien gar gekocht wird. Dann kommt das abdrängen, auch das läuft gut.
*KRACH*
Aah, da Stand also die Kulisse!!!
Betrifft Gott sei's gedankt nur einen meiner Kollegen. Bei mir hätte die Kulisse wahrscheinlich einen auf Berliner Mauer gemacht. Während der Kollege noch flucht endet draußen der 2. Akt mit dem Auszug aus Anatevka.
Und das WAR'S!!!!! Wir haben es Geschafft!!!! Alles auf die Bühne für die Verbeugungen. Hoffentlich fassen sich die Honoratioren kurz! Das Publikum tobt, es ist eine Super-Atmosphäre. Gott sei dank halten sich die gesammelten Landräte, Bürgermeister etc. in der Tat kurz, im Gegensatz zur Premiere von Jesus Christ Superstar wo die Teilnehmer auf der Bühne schmoren gelassen wurden um einem zweitklassigen Lokalen Politbonzen die Chance zur Selbstdarstellung zu geben. 
Und dann ist auch alles vorbei!!! Jetzt beginnt der angenehme Teil, fast! Zuerst noch raus aus diesem Ver[BEEP]ten Kostüm und in zivile Klamotten. Auch das Gesicht wird erst mal von diversen Schichten Make-up befreit. Maskenbildner? So wie sich das anfühlt eher Gebäudesanierer, man hat fast das Gefühl die hätten das Gesicht mit Rohputz verkleidet!
Aber wir haben es tatsächlich geschafft!!! Und zwar gut, wenn man den Reaktionen des Publikums glauben schenken darf. 


So, etwas mehr als ich ursprünglich schreiben wollte, aber so schien es mir das beste zu sein. Immerhin steh ich immer noch etwas unter Spannung. Okay, das KÖNNTE auch der Schlafmangel sein! ;-) 
Wie auch immer, BEIDE Aufführungen in der KuS-Halle in Heldenbergen waren der KNALLER! Ich hoffe das wir das Niveau in Ostheim halten können, bin aber zuversichtlich. Ein RIESENLOB an alle Beteiligten, egal ob hinter der Bühne, auf der Bühne, oder davor. Ihr seid eine Supertruppe!!! Ich hab zwar noch ein paar Bilder, die kommen allerdings im nächsten Post.

Kommentare

  1. was hast du gegen deinen Tontechniker ?
    Immer daran denken, der Mensch is wichtig...

    :-)

    Schild am Mischpult in der Pause: KEEP OFF!! -Versichert bei Smith & Wesson!!
    &
    Was haben eine Handgranate und ein feedback gemeinsam?
    -wenn man's spuert isses schon zu spaet!

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